Evangelische gegen Glaubenstests bei Asylverfahren

Die Spitzenvertreter der heimischen evangelischen Kirchen wenden sich gemeinsam gegen die Praxis, dass bei zum Christentum konvertierte Asylwerber die Behörden über die Aufrichtigkeit der inneren Überzeugung befinden.

In Interviews (Podcasts), die am Mittwoch auf der Websites der evangelischen und katholischen Kirche in Österreich veröffentlicht wurden, mahnen der lutherische Bischof Michael Chalupka, der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld, Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser, der methodistische Superintendent Stefan Schröckenfuchs und die zweite Synodenpräsidentin Gisela Malekpour übereinstimmend einen Kurswechsel in Asylpolitik und -praxis ein.

Über die inneren Beweggründe eines Menschen, der zum christlichen Glauben konvertiert, könnten - wenn überhaupt - bestenfalls verantwortliche Amtsträger in den Kirchen entscheiden, ganz sicher nicht Beamte in Asylbehörden ohne theologische Ausbildung, so Bischof Chalupka im Interview.

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka
APA/Roland Schlager
Behörden könnten nicht über innere Beweggründe von Menschen entscheiden, so Bischof Michael Chalupka.

Groteske Situationen

Welche groteske Situationen sich bei den Behördenterminen ergeben, illustrierte die Synodenpräsidentin und Vorsitzende der Diakoniekommission der Synode A.u.H.B., Gisela Malekpour, an einem Beispiel. So würden etwa in der evangelischen Kirche getaufte Asylwerber von den Beamten nach dem katholischen Rosenkranz gefragt, was zeige, dass die Beamten selbst wenig Ahnung hätten.

„Ein Mindestmaß an inhaltlicher Vorbereitung wäre hilfreich“, so Malekpour in Richtung der Behörde. Andererseits würden den Asylwerbern oft Fragen auf einem sehr hohen Niveau gestellt, die auch die meisten österreichischen Gemeindemitglieder nicht beantworten könnten.

Keine „Scheinkonversionen“

Die Kirche nehme ihre Verantwortung hinsichtlich der Taufwerber sehr ernst, führte Malekpour aus. Da die meisten Konvertiten aus dem Iran und Afghanistan kommen, habe man extra eine 120 Seiten starke Unterlage auf Farsi für den Taufunterricht erarbeitet. Viele Gemeindemitglieder würden die Taufwerber auch persönlich begleiten.

Hinweis:

Die von der ökumenischen Radio-Agentur „Studio Omega“ produzierten Podcasts können hier, auf Itunes, allen Smartphone-Apps für Podcasts und auf Spotify nachgehört werden.

„Niemand lässt sich aus Jux und Tollerei taufen“, so Malekpour weiter. Immer wieder müssten Taufwerber aus Flüchtlingsquartieren herausgenommen werden, weil sie von muslimischen Asylwerbern bedroht würden. Malekpour wies deshalb auch den Vorwurf der „Scheinkonversionen“, wie ihn die Behörden immer wieder erheben würden, scharf zurück. „Man unterstellt damit ja auch den Pfarrerinnen und Pfarrern, dass sie die Menschen wider besseren Wissens taufen.“

„Beschämende, unchristliche Asylpolitik“

Harte Worte fand der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld. Die Asylpolitik in Österreich wie in ganz Europa sei „beschämend und unchristlich“: „Personen, die Verantwortung tragen oder es auch nur dulden, dass Asylwerber in ihre Heimat zurückgeschickt werden, wo sie an Leib und Leben bedroht sind, sollten die Worte ‚christliche Werte‘ nicht mehr in den Mund nehmen.“

Landessuperintendet Thomas Hennefeld
Kathbild/Franz Josef Rupprecht
Superintendent Thomas Hennefeld

Der methodistische Superintendent Stefan Schröckenfuchs wies auf die „absurde Tatsache“ hin, dass bestens integrierte Lehrlinge abgeschoben wurden. „Das sind junge Menschen, die ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten wollen und die sicher niemandem auf der Tasche liegen.“

Unabhängige Rechtsberatung gefordert

Diakoniedirektorin Maria Katharina Moser warnte im Podcast-Interview davor, dass mit 1. Jänner 2020 die Bundesagentur für Betreuungs- und Unterstützungsleistungen (BBU) ihre Arbeit aufnehmen wird. Damit gehe eine dramatische Beschneidung des Rechts auf ein faires Asylverfahren einher. Die neue Agentur sei eine GmbH des Innenministeriums, dieses kontrolliere sich damit quasi selbst. Es brauche wieder eine unabhängige Rechtsberatung, hofft Moser auf eine Rücknahme des Gesetzes.

Hennefeld und Schröckenfuchs unterstrichen die Forderung der Diakoniedirektorin nach einer unabhängigen Rechtsberatung. Und Malekpour sagte dazu: „Wenn 43 Prozent der Urteile in erster Instanz von der zweiten Instanz aufgehoben werden, dann unterstreicht das die Notwendigkeit einer unabhängigen Rechtsberatung.“

Christlicher Einsatz für Menschen in Not

Letztlich sei die Gruppe jener Menschen, die in Österreich bzw. Europa Schutz suchen, nach wie vor überschaubar, „aber man tut so, als sei das schon der halbe Weltuntergang“, ärgerte sich Hennefeld. Er sprach von einer „schrecklichen gesellschaftlichen bzw. politischen Stimmung“ im Land. Aufgabe der Kirchen sei es, dem etwas Positives entgegenzusetzen. „Als Christen müssen wir uns für Menschen in Not und auf der Flucht einsetzen. Das gehört zu unseren ureigensten Aufgaben“, so der reformierte Landessuperintendent.

Diakonie-Österreich-Direktorin Maria Katharina
APA/Herbert Neubauer
Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser fordert wieder eine unabhängige Rechtsberatung für Geflüchtete

Evangelische - „eine Minderheit, die zusammenhält“

Bischof Chalupka nahm im Interview auch zu seinen ersten Monaten als Bischof der lutherischen Kirche in Österreich Stellung. „Wo immer man als Bischof hinkommt, ist Kirche schon da und lebendig“, so Chalupka, „da kann man als Bischof nur dankbar sein“. Die evangelische Kirche in Österreich sei nur eine kleine Minderheit, „aber eine, die zusammenhält. Und im Bischofsamt wird dieser Zusammenhalt in einer Person symbolisch spürbar“.

Auf die Ökumene bzw. die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen im Land angesprochen zog der Bischof eine sehr positives Resümee. „In der Ökumene bewegt sich viel.“ Freilich: „Eine schmerzhafte Wunde ist nach wie vor da“, so der Bischof in Anspielung darauf, dass es immer noch nicht möglich sei, gemeinsam Abendmahl zu feiern. Chalupka verwies auf ein aktuelles Papier von evangelischen und deutschen Theologen des Ökumenischen Arbeitskreises in Deutschland, in dem festgehalten wird, dass trotz aller Verschiedenheiten das Modell der eucharistischen Gastfreundschaft ein ganz wichtiger Schritt wäre.

Hoffnung auf „rasche Regierungsbildung“

Zu seinen Wünschen an die kommende Regierung befragt, meinte der Bischof, dass diese in allen Belangen die Würde des Menschen wahren müsse. Und der Karfreitag sollte für alle in Österreich ein Feiertag werden. Er hoffe jedenfalls auf eine rasche Regierungsbildung, „damit in diesem Land wieder gestaltet wird“.

Superintendent Schröckenfuchs sagte auf den Karfreitag angesprochen, dass es völlig unverständlich sei, dass dieser zentrale Tag für das Christentum nicht die ihm zustehende Bedeutung habe. Der Karfreitag als allgemeiner Feiertag täte der gesamten Gesellschaft gut.

Klima: „Wir werden Opfer bringen müssen“

Thema der Interviews war auch die Klimapolitik. Schröckenfuchs zeigte sich realistisch: „Wir werden Opfer bringen müssen.“ Klimaschutz sei auf der Ebene der Individuen alleine nicht machbar. Es brauche zusätzlich rasche und entschiedene Schritte von Politik und Wirtschaft.

Hennefeld wies u.a. auf den evangelischen Prozess „Wirtschaft im Dienst des Lebens“ hin, eine bereits 2002 vom Lutherischen Weltbund als Fortsetzung des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ins Leben gerufene Initiative. Ein Ergebnis vieler Veranstaltungen, Beratungen und Aktionen ist ein entsprechender Behelf, der in den evangelischen Pfarren im ganzen Land verfügbar ist.

Synodenpräsidentin Malekpour hatte im Interview zudem ein sehr konkretes Anliegen in Richtung Denkmalschutz-Behörde. „Photovoltaikanlagen auch auf denkmalgeschützten Dächer sind ein Gebot der Stunde.“

religion.ORF.at/KAP

Links: