Käthe Leichter - Eine Frau wie diese und Wie ein Baum ohne Früchte

Als Käthe Leichter 1925 das Frauenreferat der Wiener Arbeiterkammer übernimmt, macht sie daraus das weltweit erste Zentrum der Frauenforschung. Als Sozialwissenschaftlerin vollzieht sie anhand von Interviews und Massenumfragen überdies einen Perspektivenwechsel: Sie sprach selbst mit den Frauen und bezieht sie in ihre Untersuchungen ein.

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ORF

Sendungshinweis

Dienstag, 26. Februar 2019
um 22.30 Uhr, ORF 2

Käthe Leichter - Eine Frau wie diese

Käthe Leichter war die erste Sozialwissenschaftlerin weltweit, die bereits in den 20er-Jahren anhand geführter Interviews und Umfragen sowie statistischer Auswertungen über das Leben arbeitender Frauen die moderne Frauenbewegung begründet hat. Und nicht nur das: Sie hat sie entlang von modernen Bildstatistiken veröffentlicht und 1930 den ersten Film über das Alltagsleben von arbeitenden Frauen initiiert.

Käthe Leichter war bereits als Studentin in Wien und Heidelberg und später als Sozialwissenschaftlerin und Frauenpolitikerin hoch aktiv: Sie war Teil des reformerischen Wien der Zwanziger-Jahre. Leichter war ihrer Zeit voraus: eine Intellektuelle, die eine ebenso passionierte Politikerin gewesen ist.

Käthe Leichters Ausweiskarte der AK
ORF/Dor Film/© Familienarchiv Franz und Kathy Leichter

1895 geboren als Tochter einer großbürgerlichen jüdischen Familie rebelliert Marianne Katharina Pick schon früh gegen die Konventionen der Zeit: Sie schließt sich der bürgerlichen Jugendbewegung an und studiert als eine der ersten Frauen Staatswissenschaften und Nationalökonomie.

Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegsrevolutionen radikalisieren die junge Wissenschaftlerin. Käthe Leichter wirft sich mit Herz und Seele in die Arbeiterbewegung. Sie glaubt fest an den Sozialismus und daran, die Befreiung des Menschen und damit auch die der Frauen selbst noch erleben zu können.

Mit ihren umfangreichen Untersuchungen über das Leben von arbeitenden Frauen versucht Käthe Leichter, die Frauen zu ermutigen, um ihre Gleichstellung in Beruf und Familie zu kämpfen. Bis zuletzt gibt sie die Hoffnung auf den Sieg ihrer Überzeugungen nicht auf. Ab 1925 leitet Leichter das von ihr gegründete Frauenreferat der Wiener Arbeiterkammer.

Nach dem Bürgerkrieg vom Februar 1934 geht sie zusammen mit ihrem Ehemann, dem Journalisten Otto Leichter, und den beiden Söhnen ins Schweizer Exil, um wenig später zurückzukehren und eine führende Rolle im Widerstand gegen den autoritären Ständestaat einzunehmen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 verkennt Käthe Leichter ihre gefährliche Lage als jüdische Frau, widerständige Sozialdemokratin und Intellektuelle und bleibt, um legal auszuwandern.

Ende Mai 1938 verhaftet sie die Gestapo. Nach eineinhalb Jahren Haft wird sie zu einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt und danach sofort wieder der Gestapo übergeben. In dieser Zeit schreibt sie ihre „Kindheitserinnerungen“, ein bewegendes Zeugnis über die untergegangene Welt des Wiener jüdischen Bürgertums, gewidmet ihren beiden Söhnen Heinz und Franz, die wie ihr Vater das rettende Ausland erreichen konnten.

Internationale Interventionen und Visa, die auf dem britischen und amerikanischen Konsulat auf sie warten, nützen nichts: Sie wird Ende 1939 in das KZ Ravensbrück deportiert und im März 1942 ermordet.

In dem filmischen Porträt geht Helene Maimann auch auf Käthe Leichters Beziehung zu ihrem jüdischen Glauben ein, zu dem diese eine wechselhafte Beziehung hatte. Neben Franz Leichter, dem späteren langjährigen State Senator von New York, erzählen die Historikerinnen Jill Lewis, Gabriella Hauch, Veronika Duma, Linda Erker, Elisabeth Klamper und Sabine Plakolm sowie der Soziologe Christan Fleck aus dem Leben einer der großen Pionierinnen Österreichs.

Gestaltung: Helene Maimann
Produktion: Dor Film
ORF-Redaktion: Gerhard Klein, Christoph Guggenberger

Regisseurin Aïcha Macky
ORF/Point Du Jour

Wie ein Baum ohne Früchte

Eine verheiratete, aber kinderlose Frau wird in dem westafrikanischen Land Niger sehr wenig geschätzt. Denn in Niger genießen Frauen nur dann gesellschaftliche Anerkennung, wenn sie ihren Ehemännern möglichst viele Kinder schenken.

Die nigrische Filmemacherin Aicha Macky, selbst verheiratet und ungewollt kinderlos, setzt sich in ihrem filmischen kreuz-und-quer-Essay „Wie ein Baum ohne Früchte“ mit dem Schicksal ihrer unfruchtbaren Leidensgenossinnen auseinander.

„Bei uns in Niger ist die Ehefrau ein schattenspendender Baum für ihren Mann, und sie trägt auch Früchte für ihn“, sagt Aicha Macky im Film: „Ich hingegen bin nur ein Zierbaum, der zwar Schatten spendet, aber keine Früchte trägt.“

Niger ist ein Land mit einer enorm hohen Geburtenrate. Im Durchschnitt bringt jede Frau 7,5 Kinder zur Welt. Daher hat sich die Bevölkerungszahl von 3,2 Millionen auf 20,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner erhöht, seit das Land im Jahr 1960 die Unabhängigkeit von Frankreich erlangt hat.

Und die UNO warnt: Wenn dieser Bevölkerungszuwachs weiterhin ungebremst anhält, wird Niger am Ende des 21. Jahrhunderts mehr als 190 Millionen Menschen beherbergen. Eine Katastrophe für den ohnedies sehr armen Wüstenstaat.

Denn anders als in vielen islamischen Staaten ist Geburtenregelung unerwünscht, ja sogar verpönt – auf dem Land noch stärker als in den Großstädten. Traditionellerweise werden Mädchen hier bereits vor ihrer Volljährigkeit verheiratet und von ihren Ehemännern geradezu genötigt, ein Kind nach dem anderen auf die Welt zu bringen.

Daher deutet derzeit wenig darauf hin, dass die Geburtenrate in absehbarer Zeit sinken wird. Denn nach wie vor bestimmt die Anzahl der Kinder den Status einer Frau innerhalb ihrer Familie. Die Frau mit den meisten Kindern genießt das höchste Ansehen, sie erhält die schönsten Kleider und gesellschaftliche Anerkennung.

Im Gegenzug sind ungewollt kinderlose Frau Außenseiterinnen, die von ihren Ehemännern jederzeit verstoßen werden können. Der Ehemann einer kinderlosen Frau hat auch das Recht, sich Zweit- und Drittfrauen zu nehmen, die ihm den ersehnten Nachwuchs schenken können.

Das hat die nigrische Filmemacherin zu einem filmischen Essay über die Situation unfruchtbarer Ehefrauen inspiriert. Selbst verheiratet und ungewollt kinderlos, kennt sie die Lage solcher Frauen, und sie wagt es, die Frage zu erörtern, warum ausschließlich den Frauen Schuld an der Kinderlosigkeit gegeben wird, wo doch auch rund ein Drittel Fälle von Kinderlosigkeit auf die Unfruchtbarkeit der Männer zurückzuführen ist.

Ein Film von Aicha Macky
Deutsche Bearbeitung: Rosemarie Pagani-Trautner