Die Kung-Fu-Nonnen des Himalaya und Ahimsa – Gandhis Kampf ohne Waffen

Die Nonnen des tibetisch-buddhistischen Drukpa-Ordens entsprechen nicht dem üblichen Bild orangefarben gekleideter, still meditierender Ordensfrauen, die monoton klingende Mantras anstimmen. Nicht nur ihre Kleidung sieht anders aus. Auch der Tagesablauf unterscheidet sich wesentlich von dem anderer Nonnen.

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ORF

Sendungshinweis

Dienstag, 19. März 2019
um 22.35 Uhr, ORF 2

Die Kung-Fu-Nonnen des Himalaya

Selbstverständlich spielen Meditation und Gebet in ihrem Kloster in Kathmandu (Nepal) eine bedeutende Rolle, doch die Frauen betreiben auch täglich eine Form der körperlichen Ertüchtigung, die man nicht mit Nonnen assoziiert: Kampfsport, genauer gesagt Kung-Fu.

Gemeinsam mit Kameramann Stephan Mussil hat Regisseur Alexander W. Rauscher die Drukpa-Nonnen über mehrere Tage begleitet und das Kung-Fu-Training vor dem Hintergrund der majestätischen Gebirgsketten des Himalaya in rund 3.300 m Seehöhe filmisch festgehalten.

„Meditation und Kung-Fu haben einiges gemeinsam, vor allem Konzentration“, sagt die 24-jährige Nonne Jigme Konchok Lhamo. „Entweder du bist drin oder nicht. Beim Kung-Fu musst du dich aber noch besser konzentrieren, sonst verletzt du dich womöglich.”

Naro Photang Tempel
ORF/Alexander W. Rauscher

Bei dem knapp einwöchigen Kung-Fu-Workshop, das die Drukpa-Nonnen seit 2017 in Ladakh (Indien) organisieren, geht es aber nicht nur um Kung-Fu als Kampfsport und körperliches Training, sondern auch um die Steigerung von Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen für die Mädchen der Himalaya-Region.

Die Nonnen wollen den Mädchen das Gefühl und die Sicherheit vermitteln, dass für sie alle Chancen offenstehen und alles möglich ist.

Natürlich geht es um Selbstverteidigung. In den letzten Jahren hat Indien mit zahlreichen grausamen Vergewaltigungsfällen Negativ-Schlagzeilen gemacht. Laut einer Statistik des indischen „National Crime Bureaus“ werden jede Stunde vier Kinder in Indien sexuell belästigt oder vergewaltigt. 40.000 Angriffe auf Frauen werden jedes Jahr angezeigt, die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.

Selbst die Nonnen in Nepal wurden immer wieder mit Steinen beworfen, als sie von ihrem Kloster ins Tal hinabstiegen, und sie hatten Angst, angegriffen zu werden. Kung-Fu hat ihnen Selbstvertrauen und Stärke gegeben – und sie auch glücklicher gemacht. Die Idee für das Martial-Arts-Training hatte der 12. Gyalwang Drukpa, das spirituelle Oberhaupt des Drachen-Ordens.

Die Förderung von Umweltschutz und Nachhaltigkeit, aber vor allem die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sind drei seiner wichtigsten Botschaften. „Seine“ Nonnen sollten alle Rechte haben, die Männer generell und auch die Mönche des Ordens seit Jahrhunderten genießen.

So gesehen haben die Nonnen eigentlich Mönch-Status. „Seine Heiligkeit“, wie der Gyalwang Drukpa angesprochen wird, sorgte auch dafür, dass jede der rund 200 Nonnen, die hoch über Kathmandu in ihrem Nonnenkloster auf dem Berg Druk Amithaba leben, einen Beruf erlernen konnten.

So gibt es Nonnen, die ein Handwerk beherrschen, es gibt Elektrikerinnen, Computer- und Internet-Programmiererinnen, CCTV- und IT-Technikerinnen – alles Fähigkeiten, die unabhängig von fremder, in Indien meist männlicher Hilfe machen. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, das wollen die Nonnen aus Nepal auch den Mädchen im nordindischen Ladakh weitergeben.

In Gesprächen berichten die Mädchen von ihren eigenen unangenehmen Erfahrungen, die sie bereits mit dem männlichen Geschlecht machen mussten. Mit ihren Kung-Fu-Kenntnissen fühlten sie sich jetzt wesentlich besser und vor allem sicherer, betonen sie. Aber nicht nur körperlich anstrengendes Kung-Fu-Training steht auf dem Programm, sondern auch Besuche von Frauen aus der näheren Umgebung, die besonders erfolgreich sind.

Die erste Chefredakteurin der Lokalzeitung von Ladakh, die erste Polizeichefin der Region und zwei Mädchen, die bereits den Mount Everest bestiegen haben, zeigen den Mädchen, dass Erfolg auch in Berufen möglich ist, die traditionell Männern vorbehalten sind.

Die Nonnen wiederum erzählen, warum sie überzeugt sind, mit dem Eintritt in das Kloster die richtige Entscheidung getroffen zu haben – obwohl sie damit auf Kinder und Familie verzichten müssen. „Deine Familie, das ist die Welt, das ist die Familie der Menschen“, sagt Seine Heiligkeit, der Gyalwang Drukpa, den Alexander W. Rauscher in Hong Kong zu einem ausführlichen Exklusiv-Interview treffen konnte.

2007 hat der Philanthrop die religionsunabhängige Bewegung „Live To Love“ gegründet, ein internationales Netzwerk gemeinnütziger Organisationen, das sich vor allem in den Regionen des Himalaya um Bildung und medizinische Versorgung der Bevölkerung kümmert und das Verständnis für den Schutz von Gewässern und Umwelt fördert. Bereits zweimal hat „Live To Love“ sogar den Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde für die meisten gleichzeitig gepflanzten Bäume geschafft.

Auch wenn kaum eine der Teilnehmerinnen des Kung-Fu-Workshops selbst einmal Nonne werden will, so finden sie das, was hier passiert, einfach “cool”. Und es ist für die Mädchen so prägend, dass es auch in ihrem weiteren Leben Bedeutung haben wird.

Regie: Alexander W. Rauscher
Redaktion: Christoph Guggenberger

"Phoenix Settlement" Durban Computer Schule
ORF/Meta Film

Ahimsa – Gandhis Kampf ohne Waffen

Von einem Hindu-Extremisten wurde Mohandas Karamchand Gandhi im Jahr 1948 in Neu-Delhi erschossen. Die intensiven Bemühungen des „Mahatma“ (Große Seele) um eine Aussöhnung von Hindus und Muslimen im unabhängigen, aber geteilten Indien waren dem Attentäter ein Dorn im Auge.

Gandhi war eine vielseitige Persönlichkeit: ein interreligiöser Denker, der mühelos Ost und West, Bhagavad-Gita und Bergpredigt verband; ein eifriger Publizist und Philosoph, ein politischer Aktivist, ein Vordenker und Praktiker des gewaltfreien Widerstands, ein ideenreicher Anführer der indischen Befreiungsbewegung. Der kleine Mann, nur in selbst gewobene weiße Baumwolle gehüllt, wurde bald weltweit zum Inbegriff des zivilen Widerstands.

Die kreuz und quer-Dokumentation wurde in mehreren Ländern gedreht: Regisseur Christian Rathner war in Großbritannien, den USA, Südafrika und Indien auf den Spuren Gandhis unterwegs. Der Film beleuchtet wichtige Stationen auf dem Lebensweg Gandhis und lässt dabei Menschen zu Wort kommen, die sich auch heute seinem Vorbild verpflichtet wissen: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „Gandhi Development Trust“ in Durban oder des „Gandhi-Instituts für Gewaltfreiheit“ in Rochester, USA.

Zudem thematisiert die Doku den Einfluss Gandhis auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA und auf den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der unter den Nazis hingerichtet wurde. Neben Expertinnen und Experten in Neu-Delhi, Ahmedabad und New York ist es gelungen, drei sehr spezielle Persönlichkeiten zum Interview zu bitten: Ela, Rajmohan und Arun Gandhi sind Enkelkinder des berühmten Vorfahren.

Die kreuz und quer-Dokumentation bietet auch eine kleine Einführung in Gandhi’sches Denken und die Praxis des gewaltfreien Widerstands. Gandhi verstand seine Kampfmethode gegen die britischen Kolonialherren nicht als passiven, sondern als höchst aktiven Widerstand.

„Satyagraha“ (etwa: „Kraft der Wahrheit“) war sein Wort dafür. Als „höchstes Ideal“ aber bezeichnete Gandhi die Gewaltfreiheit („Ahimsa“), die in allen seinen Überlegungen Ausgangspunkt und Grundlegung war. So wird es verständlich, warum für den Hindu Mohandas Gandhi die Bergpredigt des Matthäus-Evangeliums von zentraler Bedeutung war.

Ein Film von Christian Rathner
Redaktion: Barbara Krenn