„Der Papst und die Liebe“ und „Die Macht des Zölibats“

Die BBC-Dokumentation zeigt eine sehr persönliche Seite des heiliggesprochenen Papstes: die enge Freundschaft, die Johannes Paul II. (1920-2005) mit einer polnischen Philosophin verband.

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ORF

Sendungshinweis

Dienstag, 19. Mai 2020
um 22.30 Uhr, ORF 2

Der Papst und die Liebe

Karol Wojtyla – Johannes Paul II., der Papst aus Polen – wäre am 18. Mai 100 Jahre alt geworden. Er war einer der einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und stand als Oberhaupt der katholischen Kirche über 25 Jahre im Licht der Weltöffentlichkeit. Erst nach seinem Tod wurde jedoch eine sehr persönliche Seite Karol Wojtylas bekannt: Mit der polnischen Philosophin Anna-Therese Tymieniecka, die er in seiner Zeit als Erzbischof von Krakau kennenlernte, verband ihn eine tiefe Freundschaft. 1973 nahm sie mit Kardinal Karol Wojtyla per Brief Kontakt auf, weil sie dessen Buch „Person und Tat“ faszinierte. Sie fragte nach dem Einverständnis des Kardinals, das Buch ins Englische übersetzen zu dürfen – sie lebte in den USA – und wollte darüber hinaus mit dem Autor in einen wissenschaftlichen Dialog treten.

Der Denker auf dem Thron – Papst Benedikt XVI Papst Liebe
ORF/Ten Alps/From the estate of Anna-Teresa Tymieniecka

So kam es zu einem intensiven Briefwechsel über philosophische Fragen und zu privaten Treffen. In einigen Passagen seiner Briefe äußert sich der spätere Papst auch über das persönliche Verhältnis zu Anna-Theresa Tymieniecka. Entgegen manchen Gerüchten nach dem Bekanntwerden der Briefe gibt es jedoch keinerlei Hinweis, dass Karol Wojtyla mit der verheirateten Frau den Zölibat gebrochen haben könnte. Aufsehenerregend ist die BBC-Produktion dennoch: Der Film gibt bisher nicht gewährte Einblicke in das private, persönliche Leben des inzwischen heiliggesprochenen Papstes. Zahlreiche Privatfotos dokumentieren ebenso wie Briefpassagen die Freundschaft und Seelenverwandtschaft Karol Wojtylas mit Anna-Therese Tymieniecka.

Anlässlich einer USA-Reise des polnischen Kardinals 1976 arrangierte Tymieniecka Treffen mit hohen mit Politikern und wichtigen Vertretern des katholischen Klerus der Vereinigten Staaten zusammen. Gut möglich, das Wojtyla diese Verbindungen im Konklave zwei Jahre später genützt haben.

Die Wahl zum Papst brachte die Freundschaft in eine Krise. Unter anderem, weil Tymieniecka ihre Chance witterte, die von ihr überarbeitete englische Ausgabe von „Person und Tat“ – jetzt von einem päpstlichen Autor – auf den Markt zu werfen, aber auf Widerstand im Vatikan stieß. So fühlte sie sich letztlich auch von Johannes Paul II. verraten und im Stich gelassen. Dennoch riss der Kontakt nie ganz ab, und die Freundschaft überstand auch diese Belastungsprobe. Zuletzt besuchte die verheiratete Philosophin ihren päpstlichen Freund am Tag vor seinem Tod.

Die Doku zeigt aus Passagen der Briefe und zahlreichen privaten Fotos die Bedeutung der engen persönlichen und fachlichen Freundschaft für den Papst.

Regie: Edward Stourton, BBC
ORF-Bearbeitung: Rosemarie Pagani-Trautner
ORF-Redaktion: Christoph Guggenberger

Mag. Rainer Kinast (Psychotherapeut und Theologe)
ORF/Metafilm/Helmut Wimmer

Die Macht des Zölibats

Das Thema „Zölibat“ begleitet die katholische Kirche wie kaum ein anderes. Dabei versperrt die Diskussion für und wider die ehelose Lebensform der römisch-katholischen Priester oft den differenzierten Blick: Was bedeutet Zölibat genau? Warum entschließen sich Menschen dazu? Ist der Zölibat für sie Gewinn oder Verzicht – oder gar Gewinn wegen des Verzichts? Wie geht es zölibatär Lebenden, was bringt sie dazu, diesen Weg weiterzugehen oder wieder zu verlassen?

Die TV-Dokumentation „Die Macht des Zölibats“ will bewusst keine allgemeingültigen Antworten auf diese Fragen geben, sondern begleitet Menschen, die mit dem Thema persönlich konfrontiert sind. Dadurch werden Perspektiven eröffnet, die in der öffentlichen Diskussion oft übersehen werden. Zu Wort kommen Pfarrer, Priester, Ordensleute, Frauen, Männer, Angehörige. Menschen, die ihren Weg konsequent zölibatär leben oder gerade im Begriff sind, sich dazu zu verpflichten. Andere, die sich davon wieder abgewandt haben. Der Film folgt den vielfältigen Facetten und Konsequenzen, die sich aus den Entscheidungen dieser Menschen ergaben bzw. ergeben.

Dabei wird bewusst auch die weibliche Perspektive eingenommen – denn was in der Diskussion oft untergeht: In der katholischen Kirche leben mehr Frauen als Männer zölibatär. Aus diesem Blickwinkel wird sowohl die historische Entwicklung beleuchtet als auch die Sichtweise von Frauen, die einen Priester geheiratet oder sich selbst für den Zölibat entschieden haben.

Regie: Klaus T. Steindl
Redaktion: Helmut Tatzreiter