Die heiligen Steine Polynesiens

Steine haben in der Jahrtausende alten Kultur Polynesiens eine besondere Bedeutung erlangt. Aus ihnen wurden die Abbilder der Geister der Ahnen geformt, sie galten als Bewacher heiliger Orte und waren die Beschützer der Familie.

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ORF

Sendungshinweis

Dienstag, 02. Juni 2020
um 22.30 Uhr, ORF 2

Die heiligen Steine Polynesiens

Steine dienten als Baumaterial für die Maraes, wichtige Stätten für Kultur und religiöse Zeremonien. Mit der Kolonialisierung und Christianisierung Polynesiens durch die europäisches Seefahrernationen im 18. Jahrhundert verschwanden die Maraes unter Schutt und Erde.

Heute machen sich Einheimische gemeinsam mit Archäologen und Historikerinnen daran, die steinernen Botschaften ihrer Vorfahren zu entschlüsseln und archaischen spirituellen Vorstellungen auf den Grund zu gehen.

Kulturrevival im wilden Inneren der Insel,Tahiti.
ORF/NEW DOCS

Die Inselregion Polynesien ist das größte zusammenhängende Kulturareal Ozeaniens. Sie reicht von Hawaii im Norden bis Neuseeland im Süden, von Tonga im Westen bis zur Osterinsel im Osten. Heute leben insgesamt etwa sechs Millionen Menschen auf den Inselgruppen, die über mehr als fünfzig Millionen Quadratkilometer im Pazifischen Ozean verstreut sind. Die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der jeweiligen Gesellschaften verliefen in den letzten Jahrhunderten dementsprechend unterschiedlich. Eines jedoch eint den riesigen Kulturraum: eine spezielle Affinität zu Steinen.

Woher die Maohi, so der Name der ursprünglichen indigenen Bevölkerung Polynesiens, genau kamen, ist wissenschaftlich bis heute nicht eindeutig geklärt. Früheste Funde lassen vermuten, dass die ersten Siedler bereits 1500 v.Chr. in speziell angefertigten Holzkatamaranen von Westen her einige der Inseln erreichten.

Die Maohi glaubten an „Mana“. Es bezeichnet eine spirituelle Macht, die gleichermaßen die jenseitige Welt der Götter und Ahnen als auch die diesseitige Welt des täglichen Lebens durchdringt und miteinander untrennbar verbindet. In den Augen der PolynesierInnen ist alles von dieser Kraft durchdrungen – jeder Stein, jede Pflanze, jeder Berg und jede Insel, jedes Tier und jeder Mensch trägt das ihm entsprechende Mana in sich.

Die einzelnen Maohi-Clans verfügten jeweils über eine eigene „Marae“, einen meist rechteckigen, eingefriedeten Platz aus Steinen. Je nach gelebter Inselkultur erhoben sich darauf auch Steinstatuen von Göttern und verdienstvollen Ahnen. Maraes dienten weltlichen und religiösen Feiern und Zusammenkünften, sie waren Orte des Lernens und Erinnerns. Die Marae bedeutete weit mehr als nur der steinerne Boden, auf dem man stand – sie gab der eigenen Existenz erst ihre Bedeutung und ihren Platz im universellen Gefüge. Ein überliefertes polynesisches Sprichwort verdeutlicht die Wichtigkeit: „Wenn du ohne Marae bist, hast du keine Heimat, dann bist du ein Reisender ohne Wurzeln.“

Abgesehen von Handelsbeziehungen mit vorwiegend asiatischen Völkern blieben die Inseln bis ins 18. Jahrhundert von äußeren Einflüssen weitgehend unbehelligt. Danach landeten europäische Seefahrer an den Sandstränden der Inselparadiese – eine rigorose Kolonialisierung durch die führenden Nationen Europas und später auch die Vereinigten Staaten von Amerika begann.

Es folgte die christliche Mission, die innerhalb weniger Jahrzehnte die Ausübung einheimischer Rituale, Tänze und Gesänge dämonisierte und Tempelanlagen wie auch Maraes zerstören ließ. Die Marae, einst Identifikationsort für jeden Maohi, galt nun unter den Einheimischen als Tabu, das von bösen Geistern beseelt ist. Sie durfte nicht betreten werden. Ihre ursprüngliche Bedeutung geriet in Vergessenheit.

Erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts entstand ein neues Bewusstsein für den Verlust der Ahnenkultur – gefolgt von der Erkenntnis, dass es nur noch wenige Orte in Polynesien gab, die zumindest im Ansatz darüber Informationen liefern könnten. Die Anerkennung für die unbedingte Wiederbelebung der Maohi-Tradition gipfelte in der Ernennung einer gut erhaltenen Marae auf der Gesellschaftsinsel Raiatea zum UNESCO- Weltkulturerbe.

Die Dokumentation zeigt, wie Einheimische – die meisten sind heute Christen – gemeinsam mit Archäologinnen, Historikern und Ethnologinnen die Inseln ihrer Ahnen aufsuchen, um die alten Stätten zu finden und zu deuten. Die Neuentdeckung der eigenen Wurzeln und die persönliche spirituelle Erfahrung an den einst heiligen Stätten vor Ort bringen den Maohi ihre Jahrtausende alte Vergangenheit zurück.

Der Film zeigt eine neue spirituelle Verständigung zwischen den Polynesiern des 21. Jahrhunderts mit den Maohi, die einst mit ihren Katamaranen zu unbekannten Ufern aufbrachen.

Regie: Eliane Koller
Deutsprachige ORF-Bearbeitung: Doris Hochmayr
Redaktion: Christoph Guggenberger

Hexenjagd
ORF/NEW DOCS

Hexenjagd

Verfolgt, gefoltert, hingerichtet – weil sie angeblich Hexen sind. Dieses Schicksal trifft Tausende – Frauen, Männer, Kinder. Wie konnte es dazu kommen?

„Brennen, bis die Seele frei ist"
In Ravensburg werden an einem Abend im Oktober 1484 zwei junge Frauen zum Scheiterhaufen gebracht. Sie sollen Hexen sein. Die beiden sind rechtskräftig verurteilt – wegen gefährlicher Hexerei und Buhlschaft mit dem Teufel – „zu brennen, bis ihre Seele frei ist“. Unter der Folter haben die Frauen gestanden. Nun erwartet sie ein grauenvoller Tod. Beide Frauen gehören zu den frühen Opfern einer unheilvollen Entwicklung, die bald ganze Landstriche erfasst – der Hexenverfolgung. In den folgenden 200 Jahren werden über 50.000 Menschen in Europa verfolgt, gefoltert und hingerichtet, weil sie angeblich Hexen sind.

Inquisitor Heinrich Kramer – beseelt und besessen
Befeuert wird die Hexenverfolgung durch den Dominikanermönch Heinrich Kramer – auch Heinrich Institoris genannt – aus Schlettstadt (heute Sélestat) im Elsass. Er ist besessen von der Idee, dass die Hexen Teil einer satanischen Verschwörung sind, und macht es sich zur Lebensaufgabe, sie zu vernichten. Er glaubt, die Hexen hätten sich zusammengeschlossen, um die Welt zu zerstören.

Um die drohende Apokalypse zu verhindern, verfasst Kramer ein Buch, das Anleitung für die Hexenverfolgung in der christlichen Welt werden wird: Malleus Maleficarum – Der Hexenhammer. Es liefert Erklärungen für das Rätselhafte im Alltag der Menschen. Es schildert detailliert, was Hexen tun, wie man Hexen erkennt und wie man ihnen den Prozess macht. Die Erstauflage erscheint 1486, danach verbreitet sich das Werk dank der neuen Technik des Buchdrucks in rasender Geschwindigkeit über ganz Europa.

Trotz öffentlich vorgetragener Kritik nährt Kramers Werk die Angst vor den Hexen, die sich im Zuge der Klimaverschlechterung während der Kleinen Eiszeit ab Mitte des 16. Jahrhunderts zu einer regelrechten Hysterie ausbreitet. Hexen werden nun als Sündenböcke verantwortlich gemacht für Hungersnöte, Naturkatastrophen, Krankheiten, Seuchen oder andere Unglücke. Zehntausende fallen den Hexenprozessen zum Opfer.

Flächenbrand Denunziation
Fast alle, die angezeigt und verhört werden, gestehen unter Folter, Hexen zu sein – und denunzieren auch andere. So entwickelt die Hexenverfolgung eine unaufhaltsame Dynamik. Ganze Familien landen auf dem Scheiterhaufen. In vielen Gemeinden hört die Verfolgung erst auf, als die Hinrichtungswellen zu schweren wirtschaftlichen und sozialen Problemen führen.

Opfer und Täter
Der Film begibt sich auf die Spuren der Täter wie auch der Opfer und zeigt mit Spielszenen aus dem Wirken und Schicksal der Protagonisten, wie aus braven Bürgern Folterknechte und Mörder wurden. Dazu wurden Archive durchforstet und der Lebensweg der vermeintlichen Hexen aus den heute noch verfügbaren Quellen nachgezeichnet. Zitate aus den Urteilen und Protokollen von Hexenprozessen machen nachvollziehbar, wie es zu dieser Hexenhysterie kommen konnte.

Regie: Roland May
ORF-Redaktion: Christoph Guggenberger