Die Erfindung der Liebe

Die Frau fürs Leben, der Mann fürs Leben – die Konjunktur der Partnervermittlungs-Agenturen reißt nicht ab. Doch dass zwei, die sich lieben, heiraten ist überhaupt nicht selbstverständlich – es ist eine Erfindung der Moderne.

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ORF

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DI, 23.06.2020, 22:35 Uhr

Denn in der Geschichte überwiegen arrangierte Ehen und religiös-kulturell bestimmte Formen des Zusammenlebens von Mann und Frau. Die Doku zeigt, wie unterschiedliche Religionen den Bund fürs Leben bestimmen und bestimmt haben. Und sie untersucht, wie es das Christentum – die Religion der Liebe - mit der Ehe hält. Danach folgt „Jesus und seine Jüngerinnen“.

Die traditionelle Geschichte über die Entstehung des Christentums ist von Männern dominiert. Nur Männer galten als Apostel, dachte man lange. Frauen hätten eine unbedeutende Rolle als Jungfrauen oder bekehrte Prostituierte gespielt.

Die Erfindung der Liebe

Verliebt, verlobt, verheiratet – ist die romantische Liebe die natürlichste Sache der Welt? Oder eher eine Erfindung des 19. Jahrhunderts? Noch vor wenigen Jahrzehnten galt eine Heirat, der allein das flüchtige Gefühl der Liebe zugrunde lag, als töricht. Geld, Status,

Familienverhältnisse – alles mindestens genauso wichtig. Manche beobachten heute eine Renaissance der bürgerlichen Ehe in neuem Gewand. Doch Fragen bleiben: Wie kann man authentisches Gefühl und Dauerhaftigkeit unter einen Hut bringen? Gehört zur Liebe Treue? Und was wird aus der Liebe, wenn der Alltag einkehrt? Fragen, die jeden und jede beschäftigen, und für die manche überraschende Antworten gefunden haben.

„Die Erfindung der Liebe“ geht dem Ideal der romantischen Liebe auf den Grund und portraitiert Paare, die auf ganz eigene Art und Weise lieben: Patrizia, die nach Jahren der Glückssuche ihren schwulen besten Freund Rene heiratete.

Hermann, der seine Hertha über die Anzeigen „67jähriger will zum Weibe gehen“ kennen lernte. Susanne, die sich im Sturm in Georg verliebte – und für die es immer nur ein Detail war, dass er keine Arme und Beine hat. Und Iris, die mit zwei Männern lebt und für die sich Liebe nicht auf eine Person beschränken lässt.

In Spielsequenzen (zu sehen sind Maria Spanring und Florian Haslinger) erzählen wir von berühmten Paaren der Geschichte. Und in Interviews sprechen unter anderem eine kluge Hochzeitsplanerin, ein illusionsloser Paartherapeut und der altersweise Gründer von Parship.

Ein Film von Stefan Ludwig
Redaktion: Christoph Guggenberger

Die beiden britischen Historikerinnen Joan Taylor und Helen Bond in Israel
ORF/TVF

Jesus und seine Jüngerinnen

Im engsten Kreis um Jesus spielten offensichtlich einige Frauen eine bedeutende Rolle. Neben den biblischen Hinweisen zeigen neue archäologische Entdeckungen in Höhlen und Katakomben in Israel und Italien, dass ohne die Frauen die Jesusbewegung kaum Chancen gehabt hätte, sich so weit zu verbreiten, wie sie es tatsächlich getan hat.

Die beiden Bibelwissenschafterinnen Helen Bond und Joan Taylor suchen in den kanonischen Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes nach Hinweisen. In Israel begeben sie sich auf Spurensuche nach Maria Magdalena, ihrem Namen und ihrer wahren Rolle. Sie kommen zur Überzeugung, dass Magdalena eine unabhängige, starke Frau war, und nicht mit der Prostituierten in den Evangelien gleichgesetzt werden darf, wie es in den meisten traditionellen Darstellungen und auch in Filmen bis heute oft geschieht. Denn Marias Beiname „Magdalena“ könne sich nicht nur auf einen Ort, sondern auch auf ihre Persönlichkeit beziehen.

In Tiberias am See Genezareth wollen Bond und Taylor mehr über „Johanna, die Frau des Chuzas“ (Lk 8,3), herausfinden – die Frau eines hohen Beamten von Herodes Antipas, die sich der Jesusbewegung anschloss. In der Bibel wird sie an zwei Stellen des Lukas-Evangeliums genannt: Als finanzielle Sponsorin der Jesusbewegung und als Zeugin der Auferstehung Jesu.

Im Markus-Evangelium finden Bond und Taylor eine Passage, die sie darauf schließen lässt, dass es Jesus nicht nur die zwölf Apostel aussandte; Jesus habe mit diesen gemeinsam auch Frauen ausgesandt. Und ein Fresko aus dem sechsten Jahrhundert, das in den San-Gennaro-Katakomben Neapels erst vor einigen Jahren freigelegt wurde, deuten die beiden Bibelwissenschafterinnen auf eine hohe Amtsträgerin der christlichen Gemeinde in dieser Stadt.

Doch warum verschwanden die Frauen weitgehend aus der Geschichtsschreibung? Die beiden Wissenschafterinnen begeben sich auf eine Reise, um dies herauszufinden. Waren die Jüngerinnen Jesu wirklich entscheidend für seine Bewegung? Beim Predigen, Heilen, Taufen und sogar bei der Finanzierung? Die Recherchen von Joan Taylor und Helen Bond versuchen den Blick zu schärfen und die bisher männerdominierte Geschichte des Christentums in einem neuen Licht zu sehen.

Regie: Anna Cox
Deutschsprachige ORF-Bearbeitung: Margarita Pribyl
ORF-Redaktion: Christoph Guggenberger