Fake-Nähe

Mark Zuckerberg verspricht uns, dass wir Freunde werden. Anna hat 4.177 Freundinnen und Freunde, Ernst erst 746. Doch auch das ist eine beachtliche Zahl.

Zwischenruf 15.4.2018 zum Nachhören:

Mark Zuckerberg verspricht uns, dass das, was wir denken und fühlen, unseren Freunden gefällt. Manche schicken uns sogar ein Herz als Zeichen ihrer Liebe. Die Freunde von Anna haben ihr im letzten Monat 11.864 mal ihr Herz geschenkt, und was Ernst denkt, gefällt 3.793 seiner Freundinnen, sagt Mark Zuckerberg. Und er sagt auch: Seht her! Ich hab es euch ja versprochen.

Michael Chalupka
ist Direktor der Diakonie

Teure Daten

Mark Zuckerberg liebt unsere Daten. Er will alles von uns wissen, unsere Telefonnummer, unser Geburtsdatum – wie könnten uns unsere Freunde sonst auch zum Geburtstag gratulieren –, die Namen unserer Kinder, unsere politischen Präferenzen. Und er will alle unsere Freunde kennen.

Mark Zuckerberg gefällt es, aus unseren Daten Geld zu machen. Die Heerscharen der Freundinnen und Freunde von Facebook, Instagram und WhatsApp haben Mark Zuckerberg reich gemacht. Mark Zuckerberg ist mit den Daten der Nutzer von Facebook schludrig umgegangen. Das hat einem anderen Unternehmen namens „cambridge ananlytica“ ermöglicht, Wahlen zu manipulieren und vielleicht sogar Europa zu spalten. Mark Zuckerberg hat sich dafür entschuldigt. „Sorry“, hat er gesagt. „Tschuldigung, wir werden uns bessern.“ Das ist recht und hoffentlich für ihn nicht billig. Doch er wird es sich leisten können.

Für das Falsche entschuldigt

Aber Mark Zuckerberg hat sich für das Falsche entschuldigt. Er hat uns nämlich etwas ganz anderes versprochen. Mark Zuckerberg hat uns Nähe versprochen und dieses Versprechen täglich tausendfach gebrochen. Freunde zu haben, suggeriert Nähe, Geborgenheit. Freunde verstehen uns auch dann noch, wenn wir nicht mehr ganz wir selbst sind und außer uns geraten. Freundinnen haben eine Schulter, an die wir uns anlehnen können. Sie sind dann da, wenn wir sie brauchen. Freunde haben uns ihr Herz geschenkt und können es nicht einfach und schmerzlos löschen.

Zwischenruf
Sonntag, 15.4.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Mark Zuckerberg hat uns Nähe versprochen und dieses Versprechen täglich tausendfach gebrochen. Dafür hat er sich noch nie entschuldigt. Da gibt es kein „sorry“. Dafür kann er sich auch nicht entschuldigen, davon lebt Mark Zuckerberg. Er verspricht Wärme und Nähe, und er will nur unsere kalten Daten, um damit heiße Geschäfte zu machen. Virtuelle Nähe ist immer ein Surrogat, sie bleibt ein Fake, gibt vor, etwas zu leisten, das sie nicht kann. Wer sich ausschließlich auf das Versprechen von virtueller Nähe einlässt, bleibt enttäuscht zurück und einsam.

Analoges Leben

Das Leben wird analog gelebt. Nähe will erlebt, gespürt und geteilt werden. In den evangelischen Kirchen wird heute der Gottesdienst zum Diakoniesonntag gefeiert. Menschen singen miteinander, beten, hören mit eigenen Ohren und sprechen miteinander im „real life“. Die Pfarrerinnen und Pfarrer predigen über das grandiose Bild des Apostels Paulus von der Gemeinde als einem Leib mit vielen Gliedmaßen. Alle werden gebraucht, keiner kommt ohne den anderen aus. Der Mund braucht das Ohr, um gehört zu werden. Und der Bauch die Hand, um satt zu werden. Gerade die scheinbar schwächsten Glieder machen erst das Ganze aus.

Das gilt aber nicht nur für die christliche Gemeinde. Das gilt für jede Art des Zusammenlebens. Nähe, Vertrauen und Geborgenheit braucht das analoge Leben. Es braucht aber auch die Verschiedenheit. In der eigenen, immer gleichen Blase, die nur das Eigene, die eigene Meinung und Weltsicht verstärkt und widerspiegelt, verkümmert auch die Freundschaft. Denn wahre Freunde sagen einem auch ihre Meinung, wenn man auf Abwege gerät.

Wer meint, ohne die anderen auszukommen – auch wenn sie nicht genau so sind, wie er oder sie sich das wünscht –, wird bald sehr einsam sein. Mark Zuckerberg hat uns Nähe versprochen und dieses Versprechen täglich tausendfach gebrochen. Machen wir uns auf, hinaus ins echte Leben! Zeigen wir unseren Freunden, was uns gefällt, teilen wir unsere Erfahrungen, unsere Gefühle und unseren Schmerz und verschenken unsere Herzen – draußen in der Frühlingsluft!