Mauthausen-Schwur

Heute ist es 73 Jahre her, dass die Häftlinge aus dem Konzentrationslager in Mauthausen befreit wurden. Schon wenige Tage nach der Befreiung, am 16. Mai 1945, verfassten ehemalige politische Häftlinge den sogenannten Mauthausen-Schwur. Darin heißt es:

Zwischenruf 6.5.2018 zum Nachhören:

Der Friede und die Freiheit sind die Garantien des Glücks der Völker, und der Aufbau der Welt auf neuen Grundlagen sozialer und nationaler Gerechtigkeit ist der einzige Weg zur friedlichen Zusammenarbeit der Staaten und Völker. Wir wollen nach erlangter Freiheit und nach Erkämpfung der Freiheit unserer Nationen die internationale Solidarität des Lagers in unserem Gedächtnis bewahren und daraus die Lehren ziehen: Wir werden einen gemeinsamen Weg beschreiten, den Weg der unteilbaren Freiheit aller Völker, den Weg der gegenseitigen Achtung, den Weg der Zusammenarbeit am großen Werk des Aufbaus einer neuen, für alle gerechten, freien Welt.

Thomas Hennefeld
ist evangelisch-reformierter Landessuperintendent in Österreich

Erinnerung für die Zukunft

Der menschlichen Hölle auf Erden eben erst entkommen, denken diese Menschen nicht nur an sich selbst, sondern an die anderen, die Nächsten, ja an die ganze Welt. Ihre Ideale haben sie nicht verraten und nicht vergessen. Im Gegenteil: Sie leuchten wie eine brennende Fackel in eine neue Zeit. Sie denken und handeln nicht nach dem Motto: Jeder denkt an sich, nur ich denk an mich, sondern sie sind durch das Grauen und die Bestialität hindurch ihren Idealen treu geblieben. Sie ziehen aus dem Schrecken des Erlebten nicht die Konsequenz, Rache zu üben oder zu fordern für das erlittene Leid oder sich nur noch um ihre eigenen Interessen zu kümmern, was mehr als verständlich wäre. Ihre Weltanschauung bleibt universal.

Dieser Mauthausen-Schwur ist so gesehen ausgesprochen Mut machend. Nicht rückwärtsgewandt im Leid zu versinken sondern, den Blick nach vorne gerichtet, für andere eintreten. In alttestamtlich-biblischen Geschichten so wie in der späteren jüdischen Tradition wird immer wieder darauf hingewiesen, dass sich das Volk Israel erinnern soll an die Zeit der Gefangenschaft und Sklaverei in Ägypten, genauso wie an Flucht und Befreiung. In der Erinnerung daran soll sich das Volk Israel für die Befreiung anderer Menschen und Völker einsetzen. Das ist nicht einfach Gutmenschentum sondern eine Forderung Gottes. Das bedeutet, sich zu erinnern und gleichzeitig diese Erinnerung für die Zukunft fruchtbar machen.

Respekt und Achtung für Bedürftige

So gehört zum Wesen des Mauthausen-Gedenkens, dass immer auch die Gegenwart eine Rolle spielt. Jedes Erinnerungsjahr hat seinen eigenen Schwerpunkt. Das heutige Gedenken steht unter dem Motto: Flucht und Heimat. Vor allem Jüdinnen und Juden aber auch andere Verfolgte flohen aus Österreich nach dem Einmarsch Hitlers, verließen ihre Heimat oder wurden vertrieben. Andere Menschen aus vielen Völkern wurden in Mauthausen zusammengetrieben, eine Gemeinschaft von Geächteten. Auch heute müssen Menschen fliehen, werden vertrieben, sind Gewalt und Verfolgung ausgesetzt, müssen ihre Heimat zurücklassen.

Zwischenruf
Sonntag, 6.5.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Die politischen Häftlinge aus Mauthausen haben sich geschworen, in gegenseitiger Achtung einen Weg in eine friedlichere und gerechtere Welt zu beschreiten. Aus diesem Blickwinkel sollten alle heute den Herausforderungen unserer Zeit begegnen. Wenn Menschen mit der Erfahrung des KZs so eine hoffnungsfrohe Haltung an den Tag legten, um wie viel mehr müssten Menschen das heute tun in einer freien und sicheren Gesellschaft, ohne dass sie von traumatischen Erfahrungen geplagt werden?

Dann sollte heute nicht die erste Frage sein: Können wir so viele Flüchtlinge aufnehmen? Oder wie können wir die Flüchtenden von unseren Grenzen fernhalten? Sondern: Was bedeutet es für einen Menschen, wenn er die Heimat verliert? Statt einer Politik des Verdachts und Misstrauens brauchen wir eine Politik des Mitgefühls. Damit können nicht alle Probleme gelöst werden, aber es kann ein Klima entstehen, in dem der, der abgesichert und verwurzelt ist, dem Bedürftigen mit Respekt und Achtung gegenübertritt. Es lässt sich heute gut anknüpfen an den Slogan von damals: den gemeinsamen Weg beschreiten für eine für alle freie und gerechte Welt. 73 Jahre nachdem dieser Schwur verfasst wurde, sind wir von so einer Welt weit entfernt. Aber es wird zum Glück immer Menschen geben, die für dieses Ideal leben.