„Unter den Schwingen des Horus“

Die koptische Kirche zwischen Tradition und Moderne. Ein Lokalaugenschein: Sie führen ihre Geschichte bis zu den Pharaonen zurück, die Mitglieder der altorientalischen koptisch-orthodoxen Kirche in Ägypten.

Ihre Bezeichnung verdanken sie dem griechischen Wort Aigyptioi, was schlicht „Ägypter“ bedeutet und ihre Verbundenheit mit den altägyptischen Wurzeln und Vorfahren zeigt. Manche von ihnen tragen sogar den Namen des Hauptgottes des Alten Ägypten, Horus, der als Falke oder Mensch mit Falkenkopf dargestellt wird: Bahur, „der von Horus“.

Tao
Samstag, 2.6.2018, 19.05 Uhr, Ö1

Koptische Kirche in Begrängnis

Und tatsächlich: Die koptisch-orthodoxe Kirche mit ihrem derzeitigen Papst Tawadros II. – und die koptisch-katholische Kirche mit koptischem Ritus und Papst Franziskus als Oberhaupt – können in Ägypten auf eine mehr als 1900 Jahre währende Tradition zurückblicken und sind als „koptische Kirche“ eine Wiege des antiken Christentums. Auch die Geschichte des Mönchtums hat in der ägyptischen Wüste ihren Anfang genommen. Am bekanntesten ist wohl der Eremit Antonius, der sich Mitte des 2. Jahrhunderts am Fuß eines Tafelbergs in eine Wüstenhöhle zurückzog. Einige Jahre später war der Anachoret, der Einsiedler, bereits ein gesuchter spiritueller Weisheitslehrer und wurde vom Bischof von Alexandria in wichtigen religiösen Belangen konsultiert. Die ersten Mönchsgemeinschaften, die Koinobiten, formten sich im Wadi Natroun und die erste Mönchsregel wurde von Pachomius verfasst.

Mit dem Aufkommen des Islam geriet die koptische Kirche zunehmend in Bedrängnis, da die arabischen Herrscher durch eine Sondersteuer für Christen zu einer massenhaften Konversion zum Islam beitrugen. Heute zählt die koptische Kirche immerhin noch etwa 10 Millionen Gläubige, ein Zehntel der Gesamtbevölkerung Ägyptens. Die Kopten zählen in der ägyptischen Gesellschaft tendenziell als besser gebildet und ein relativ großer Teil gehört materiell der ägyptischen Mittelklasse an. Sie sind von Diskriminierungen betroffen und etwa 100.000 haben seit der Revolution ihr Heimatland verlassen.

Zwischen Tradition und Moderne

In der Regel leben Kopten und Muslime friedlich zusammen. Allerdings sind die Kopten in den letzten zwei Jahrzehnten zur Zielscheibe radikal-islamischer Terroristen geworden. Kirchen und Klöster stehen jetzt unter ständiger Bewachung. Präsident Fattah-Al Sisi hat als erstes ägyptisches Staatsoberhaupt einen koptischen Gottesdienst in der Kathedrale von Kairo besucht. Diese Geste hat dem autokratisch regierenden Staatschef viel Sympathie unter den Kopten eingetragen, die sich durch die diskriminierenden Gesetze aus der Ära der Muslimbrüder mit Mohammed Mursi an der Spitze, an den Rand gedrängt fühlten.

Johannes Kaup hat für den Ö1-Schwerpunkt „Nebenan. Erkundungen in Europas Nachbarschaft“ einen koptisch-orthodoxen Gottesdienst, eine Pfarre, einen Bischof und ein Kloster in Ägypten besucht, und zeichnet ein Bild einer Kirche zwischen Tradition und Moderne.

Gestaltung: Johannes Kaup

Tao 2.6.2018 zum Nachhören: