Sprache und Symbol

Brot ist ein Grundnahrungsmittel. Aber stimmt das auch? Zweifelsohne gibt es viele andere Lebensmittel, von denen sich die Menschen ernähren. Dennoch hat das Wort „Brot“ einen besonderen Klang – es ist poetischer als „Reiswaffel“ oder „Kartoffelpüree“.

Gedanken für den Tag 30.5.2018 zum Nachhören:

Brot ist also zur Ernährung nicht unbedingt notwendig. Aber es kann aus dem Alltag nicht weggedacht werden. Warum ist das so? Vielleicht, weil bei „Brot“ eine tiefe religiöse Dimension mitschwingt. In der Bibel gibt es zahllose Brotgeschichten – von den ungesäuerten Broten, die das Volk Israel hastig bäckt, um es dann bei seiner Flucht vor den Ägyptern mitzunehmen, bis zum Brot, das Jesus am Abend vor seinem Tod verteilt.

Otto Friedrich
ist Religionsjournalist bei der Wochenzeitung „Die Furche“

Gottesdienst wird zum politischen Akt

Brot ist ein religiöses Ursymbol, das für Christinnen und Christen die Anwesenheit Gottes repräsentiert, wenn sie in der Eucharistie den Segen darüber sprechen, es brechen und austeilen – also tun, was Jesus aufgetragen hat: Brot als Gotteszeichen klingt bis heute auch in der säkularen Welt nach. Aber das Zeichen wird religiöses Symbol erst durch die Sprache, es wird erst ein lebendiges Zeichen durch das Wort, das darüber gesprochen wird: Symbol und Sprache sind miteinander verbunden.

Huub Oosterhuis, der niederländische Dichter, für den religiöse Sprache eine poetische Sprache ist, hat das, worauf es in der Eucharistie, im Abendmahl ankommt, so umschrieben: „Wer hier zu dieser Stunde / seine offene Hand hinhält, / Brot nimmt und isst, / sagt damit: / dass er eine neue Welt will, / wo Brot und Freiheit ist / für alle Menschen.“

Wahrhaftiger kann man den Zusammenhang zwischen religiösem Tun und der Verantwortung für Menschen und Welt kaum zum Ausdruck bringen. Gottesdienst wird da auch zum politischen Akt. Morgen ist Fronleichnam, das katholische Fest, an dem das Zeichen des Brotes besonders im Mittelpunkt steht.

Musik:

Grand Orchestre de Katowice und Choeurs Philharmoniques de Silésie unter der Leitung von Antoni Wit: „Concerto en mi mineur (SBI 152), Version de 1798“ aus: „La double vie de véronique“ / Original Filmmusik von Van den Budenmayer und Zbigniew Preisner
Label: 1991 Sideral LC 3098