Eine achtsame Sprache

Vor nicht allzu langer Zeit machte ein Buch des Unternehmensberaters Erik Flügge Furore. Der Untertitel dieses Buches, „Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ sagt schon alles. Und der Titel geißelt den „Jargon der Betroffenheit“, der die Gottesdienste vergiftet und Menschen aus den Kirchen „zum Weglaufen“ bringt.

Gedanken für den Tag 1.6.2018 zum Nachhören:

Man muss einem „Werbefuzzi“, als der sich Flügge in seinem Buch einmal bezeichnet, nicht in allem zustimmen, aber seine Diagnosen sind erfrischend und bringen vieles auf den Punkt: Die Krise der Kirchen in der säkularen Gesellschaft hat mit einem Sprachproblem zu tun. Die Religion und ihre Institutionen haben verlernt, so zu reden, dass es die Menschen verstehen, dass es ihre Fragen und Sehnsüchte trifft.

Otto Friedrich
ist Religionsjournalist bei der Wochenzeitung „Die Furche“

Eine Sprache, die umarmt

Es gilt da, eine achtsame Sprache zu finden, die nicht verletzt, sondern die ganz behutsam die kleinen und großen Verwundungen in den Blick nimmt. Es geht um eine heilende Sprache, die sich sanft, aber bestimmt der Wut und der Gewalttätigkeit der Worte des Alltags entgegenstellt. Nicht die Schreihälse und Besserwisser sind gefragt, sondern die zaudernd Leisen, die aber ein offenes Ohr haben, und die den Geschundenen und vom Leben Gezeichneten entgegenflüstern: „Ich bin bei dir“. In der jüdischen und christlichen Tradition ist dieses „Ich bin bei dir“ auch ein Name für Gott.

Der 1984 verstorbene DDR-Autor Franz Fühmann, der sich gegen den Optimismus, den die kommunistische Führung den Schriftstellern verordnete, verwahrte, hat die Grammatik einer achtsamen Sprache so auf den Punkt gebracht: „Leid wird nicht dadurch überwunden“, schreibt Fühmann, „Leid wird nicht dadurch überwunden, dass einer möglichst schallend lacht, sondern dadurch, dass es geteilt wird. Was der Gebeugte, der Niedergeschlagene braucht, sind Worte des Mit-Leidens, eine Sprache, die umarmt.“

Musik:

„Dekalog V“ aus: DEKALOG / Soundtrack von Zbigniew Preisner
Label: Pomaton POM CD 018