Gewalt in der Schule

Wir brauchen in der Schule mehr Sanktionsmöglichkeiten! Wieder einmal ist dieser Ruf laut geworden - nach Statistiken über Gewalt an Österreichs Schulen. Und das Entsetzen über die Ermordung eines siebenjährigen Mädchens durch einen 17-jährigen Gymnasiasten sitzt wohl noch immer vielen Menschen in den Gliedern. Was ist los mit unseren Jugendlichen?

Zwischenruf 3.6.2018 zum Nachhören:

Wenn ich im Religionsunterricht die Kinder frage: Was hat dich heute schon gefreut, wofür bist du dankbar, was ärgert dich, was wünscht du dir?- Da erlebe ich in den letzten Jahren immer wieder 10-Jährige, die keine Antwort haben. Sie haben keine Freuden, sie haben auch keinen Ärger, sie haben nichts, wofür sie dankbar sind und wünschen sich auch nichts, außer vielleicht ein neues Computerspiel oder Handy.

Gisela Ebmer
ist evangelisch-reformierte Theologin und Religionslehrerin

Erwachsene sind verunsichert

Ich denke an die Zeiten der sogenannten „Schwarzen Pädagogik“, Anfang des 20. Jahrhunderts. „Der Wille des Kindes muss gebrochen werden.“ Das war die Devise. 30 Jahre später waren diese Kinder Erwachsene ohne eigene Gefühle und fähig, 6 Millionen Menschen gezielt zu ermorden. Wir haben daraus gelernt. Heute muss nicht der Wille des Kindes gebrochen werden. Lange Zeit galt sogar eher das Gegenteil: Eltern stellten ihr ganzes Leben um auf den Willen des Kindes. Bald musste man aber erkennen, dass auch diese Kinder sich nicht sozialer, friedfertiger, und toleranter entwickelt haben.

Viele Erwachsene, die heute mit jungen Menschen zu tun haben, sind daher verunsichert. Der israelische Psychotherapeut Haim Omer hat das Konzept der Neuen Autorität entwickelt: Kinder brauchen nicht mächtige Erwachsene, die Sanktionen setzen und mit strengem Regiment herrschen. Sie brauchen starke Erwachsene. Menschen, die präsent sind. Wie ein Fels in der Brandung, der Orientierung gibt, Halt und Schutz. Präsent mit wachsamer Sorge um das Kind. Erwachsene, die es aushalten, wenn ein Kind rebelliert. Die Gefühle von Wut und Trauer selber erlebt haben und dem Kind vermitteln: Es ist okay, dass du Gefühle hast. Ich kenne das. Ich hör dir zu und ich weiß, man kann das aushalten. Es ist die Pflicht von Erziehenden, freundlich, aber doch Grenzen zu setzen. Ein kleines Kind, das ohne zu schauen über die Straße laufen will, wird selbstverständlich liebevoll zurückgehalten. Zum eigenen Schutz.

Ein fester Anker

Starke Erwachsene sind nicht distanziert, sondern offen und wertschätzend anwesend, starke Erwachsene kontrollieren nicht das Kind, sondern haben sich selber unter Kontrolle, sie suchen Deeskalation. Starke Erwachsene wissen, dass man nicht sofort reagieren muss, aber beharrlich sein. Starke Erwachsene sind vernetzt untereinander. Alle Lehrenden einer Schule arbeiten zusammen zum Wohl des Kindes, die Eltern werden mit einbezogen. Sozialarbeiter sind da. Starke Erwachsene üben gewaltlosen und klaren Widerstand gegen jugendliches Fehlerhalten. Im äußersten Notfall muss natürlich auch die Polizei mit einbezogen und eventuell eine Schul-Suspendierung ausgesprochen werden. Aber bevor es soweit kommt, kann noch viel getan werden.

Zwischenruf
Sonntag, 3.6.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Wer aber unterstützt uns Eltern und Lehrende auf dem Weg zu mehr Stärke und Präsenz? Wir brauchen Elternbegleitung, LehrerInnenfortbildung, Unterstützungspersonal in den Schulen. Der Wiener Stadtschulratspräsident hat im Mai zu einem runden Tisch aller Beteiligten eingeladen. Niemand soll mehr ohne Begleitung davor oder danach von der Schule verwiesen werden. Kinder müssen wissen: Da ist jemand für mich da. Ich bin nicht allein. Es gibt Erwachsene, die sind ein fester Anker für mich. Ein Fels in der Brandung. Ein Zehnjähriger in meiner ersten Klasse hat mir letzte Woche ein sehr nettes Bild erzählt. Seine Mutter sagt: Immer wenn er allein daheim ist und sich fürchtet und Herzklopfen hat, dann ist das Klopfen des Herzens sie selber, die in ihm herumhüpft. Sie ist immer da. Und das erinnert mich an mein christliches Grundvertrauen: Gott ist immer da für mich. Ich wünsche allen Jugendlichen heute eine ähnliche Erfahrung.