Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid

Der heutige Sonntag, der ja auch als „Vatertag“ begangen wird, steht in der evangelischen Kirche unter einem Leitspruch aus dem Matthäus-Evangelium. Dort sagt Jesus: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Zwischenruf 10.6.2018 zum Nachhören:

Es ist einer meiner Lieblingsverse in der Bibel! Und er verbindet sich für mich immer mit einem anschaulichen Bild. Ich sehe ein kleines Kind vor mir. Es weint herzzerreißend. Aber ein paar Meter weiter hat sich der Vater (oder die Mutter) in die Hocke begeben, die Arme weit ausgebreitet und ruft: „Komm her zu mir!“ Und schon läuft das Kind los, auf die offenen Elternarme zu, um sich trösten zu lassen. Es ist gut, dass es die paar Schritte laufen muss, denn beim Laufen werden bereits die ersten eigenen Kräfte stimuliert zum Verarbeiten des Schmerzes.

Hermann Miklas
ist Superintendent der evangelisch-lutherischen Diözese Graz

„Kommt her zu mir, alle...“

Wir Erwachsenen weinen ja nicht mehr so leicht. Wir fressen unseren Kummer, unseren Schmerz, unsere Verletzungen und unsere Sorgen lieber in uns hinein. In unserem Inneren werden sie dann zu einem dicken Kloß, bis sie – vermengt mit der Galle der Verbitterung – schließlich hart werden wie Stein. Fortan liegen sie uns dann schwer im Magen. Und so gehen wir im wahrsten Sinn des Wortes oft als „Mühselige und Beladene“ durchs Leben.

Auch unser himmlischer Vater beugt sich liebevoll (wie zu einem Kind) zu uns herunter, breitet seine Arme weit aus und ruft uns zu: „Komm doch her, Mensch, der du mühselig und beladen bist, ich will dich trösten!“ Nein, nicht nur „trösten“, sondern „erquicken“. Das ist ein noch viel positiverer Begriff; viel kraftvoller, weil er nicht nur das Tränen-Abwischen meint, sondern auch das Entwickeln neuer, frischer Energie mit einschließt.

Zwischenruf
Sonntag, 10.6.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Aber da ist dann noch ein kleines Wort, über das man entweder allzu schnell hinwegliest – oder vielleicht auch drüber stolpert. Nämlich das Wörtchen „alle“ – „kommt her zu mir alle….“

Unter Geschwistern herrscht in Bezug auf die Liebe der Eltern ja manchmal ein gewisser Konkurrenz-Neid. Am liebsten möchten Kinder exklusiv geliebt werden, weil sie Angst haben, dass die Liebe des Vaters (oder der Mutter) kleiner wird, wenn sie sie mit der Liebe zu einer Schwester oder einem Bruder teilen müssen. – Nur selbst als Mutter (oder als Vater) weiß man, dass die Liebe zu jedem Kind zwar eine andere sein kann, aber dennoch stets gleich groß ist.

Kollektiver Neid

Mir will es scheinen, als ob in unserer Gesellschaft derzeit so etwas wie ein kollektiver Geschwister-Liebes-Neid ausgebrochen wäre. So viele Menschen haben Angst, dass ihnen etwas weggenommen würde, wenn auch andere neben ihnen bekommen, was sie zum Leben brauchen. Wohlergehen sollte ein möglichst exklusives Recht bleiben („Nur für uns!“). – Ja sogar immer mehr Staaten setzen auf die Devise: „Wir zuerst – dann lange nichts – und vielleicht irgendwann auch noch die anderen…“

Jesus hat dazu ein Kontrast-Modell entwickelt. Ein Modell der Solidarität und des Lastenausgleichs. Wo die Stärkeren bewusst darauf achten, dass auch die Schwächeren nicht abgekoppelt werden. Das war zu seiner Zeit schon umstritten. Aber ich denke, die Geschichte hat uns gelehrt, dass Friede immer dort die größten Chancen hatte, wo eine Gesellschaft für möglichst breites Wohlergehen für alle Sorge getragen hat. Eine „Das-Hemd-Ist-Uns-Näher-Als-Der-Rock“-Mentalität hingegen hat historisch fast immer zu Kampf und Krieg geführt. Wollen wir das wirklich? Denn die Galle der Verbitterung steigt bei den Zu-Kurz-Gekommenen irgendwann hoch. Und der Stein ihres Hasses kann dann sehr schwer wiegen.

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!“ Einer ermutigende Einladung, der wir vertrauen dürfen. Aber schon auch ein Auftrag, die Einladung durchaus inklusiv zu verstehen.