Montaigne oder Vom Zufall, Christ zu sein

„Wir sind Christen im gleichen Sinne, wie wir Schwaben oder Perigordiner sind, notiert der französische Philosoph Michel de Montaigne 1580 in seinen berühmten „Essais“.

Gedanken für den Tag 18.6.2018 zum Nachhören:

Das Perigord, die Region um Bordeaux ist Montaignes Heimat. Dort war er nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Bürgermeister tätig. Als Politiker und Diplomat hat er maßgeblich zum Ende des verheerenden Religionskriegs in Frankreich beigetragen. Der scheinbar harmlose Satz meint, dass es keinen absoluten und hinreichenden Grund gibt, Christ zu sein. Religion liegt ein menschliches Grundbedürfnis zugrunde, das alle Religionen befriedigen. Keine Religion oder Konfession ist indes in einem absoluten Sinne wahr oder objektiv. Das menschliche Erkenntnisvermögen ist zu schwach, um die Existenz Gottes zu bekräftigen.

Wolfgang Müller-Funk
ist Literatur- und Kulturwissenschaftler

Vorbereiter der Aufklärung

Montaigne verwirft den Glauben keineswegs, denn der Atheismus ist in diesem Sinne genauso verwegen wie jene Frömmigkeit, die Montaigne zufolge „unseren Leidenschaften schmeichelt“. Es ist der Absolutismus des Glaubens, der Krieg und Grausamkeit entfacht. Von daher ist Skepsis gegen religiöse Wahrheiten ein Gebot der Bescheidenheit. Nur wenn Christen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit an die erste Stelle rückten, könnten sie den anderen zum Vorbild gereichen.

Dass eine solche Einstellung schon bald als Skandalon empfunden wurde, beweist die Tatsache, dass die Essais 100 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen auf die Liste der verbotenen Bücher gesetzt wurden. Erst im 18. Jahrhundert wird Montaigne wiederentdeckt als Vorbereiter der Aufklärung. Nicht zuletzt besteht die göttliche Dimension der menschlichen Existenz darin, dass kein Glaube an Gott heranreicht.

Musik:

Alfred Brendel/Klavier: „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ - Choral für Orgel BWV 639“ von Johann Sebastian Bach, bearbeitung für Klavier von Ferruccio Busoni
Label: Philips 4122522