Was wir im Herzen bewahren

Wer sind die Menschen, von denen man etwas lernt? Lehrerinnen? Eltern? Meister im Betrieb?

Morgengedanken 26.6.2018 zum Nachhören:

Im vergangenen Jahr haben wir eine alte Dame in den letzten Monaten ihres Lebens begleitet. Ihr Leben war mühsam geworden. Die Krankheit, die sie seit Jahren geschwächt hatte, war nicht mehr zu verbergen und zehrte vermehrt an der alten Dame.

Barbara Haas
ist Leiterin des Bildungshauses St. Michael in Pfons in Tirol

Ein schönes Leben

Im Berufsleben war sie eine sogenannte Karrierefrau. Für viele Mitarbeiterinnen organisierte sie die Arbeit, kontrollierte die Umsetzung, führte Neuerungen ein und trug so einen wesentlichen Anteil zum Firmenerfolg bei. Sie war es gewohnt, genaue und präzise Anordnungen zu treffen. Bei den Besuchen im Altersheim erahnte man ihre einstige Stärke und wir waren doch damit konfrontiert, dass das Ende nahen wird. Ich freute mich auf jede Begegnung mit ihr. Sie war eine edle alte Frau. Ihre Erzählungen von längst vergangenen Tagen waren spannend. Die Zwischenkriegszeit in Wien, der erste Ball, die erste Liebe, die Freude an schöner Musik, die vielen Erinnerungen an Bergwanderungen, alles Schöne hatte sie in ihrem Herzen bewahrt. Wenn sie erzählte leuchteten ihre Augen und für kurze Momente waren das Alter und die Krankheit vergessen.

Jeden Besuch beendete sie mit dem Satz: „Ich hatte ein schönes Leben!“ Die Erinnerung an die edle Frau macht mir Mut. Wenn es uns gelingt, das Schöne und das Gute im Herzen zu bewahren, dann sind wir reich. Von diesem Reichtum werden unsere Nachkommen erzählen.