Brutalismus

Seit kurzem wird der Brutalismus neu entdeckt. Gemeint ist damit eine Richtung der Architektur, die geprägt ist von einer Wertschätzung des Rohen, des Ungeschönten und Vorgefundenen. Beispiele für Brutalismus sind in der Regel Bauten aus Sichtbeton. Die aktuelle Ausstellung im Architekturzentrum Wien ist dem Brutalismus gewidmet und sehr zu empfehlen.

Gedanken für den Tag 26.6.2018 zum Nachhören:

Meine Kirche, die Konzilsgedächtniskirche in Wien-Lainz, ist ein schönes Beispiel für brutalistische Architektur. Sie ist gerade erst 50 Jahre alt geworden. Ein Bau aus Sichtbeton mit einer frei tragenden Stahlkassettendecke, 30 x 30 Meter, also ziemlich groß. Von außen sieht das Ganze eher ernüchternd aus, als Kirche gar nicht zu erkennen. Die Eingänge sind an den Ecken. Als Vater-Unser-Garage ist der Bau auch schon bezeichnet worden. Ich denke eher an ein Umspannwerk oder eine Produktionshalle. Wer eintritt, ist überrascht: eine weite Halle, einem von Fassaden umstandenen Platz ähnlich, honiggelber Teppichboden und mit demselben Teppich belegte weiße Stahlbänke. Alles sehr hell.

Gustav Schörghofer
ist Jesuitenpater, katholischer Theologe, Philosoph und Kunstwissenschaftler

Schönheit im Unansehnlichen

Aber merkwürdig: Die Betonwände wirken so, als wären sie in halbfertigem Zustand geblieben. Wie die leeren Fassaden ausgebombter Häuser. Keine konsumierbare Architektur, etwas zum Wohlfühlen, zum Daheimsein. Eher etwas, das man verdecken möchte, schön machen. Wie einen Misthaufen, über den man Gras wachsen lässt und Kürbispflanzen. Wie häusliches Gerümpel, das zugedeckt wird.

Aber gerade im Unansehnlichen dieser Architektur ist eine Schönheit zu entdecken. Was sich hier dem Konsum verweigert, fordert dazu heraus, selber kreativ zu sein. Nicht den konsumierenden Menschen entspricht dieser Raum, sondern jenen, die eine gemeinsame Feier gestalten, die den Raum mit Leben erfüllen. Hierher kommt man nicht, um mit fertigen Waren abgespeist zu werden, sondern um gemeinsam an einem Ort Sammlung, Verdichtung zu gestalten. Es ist eine Form kreativer Kritik des herrschenden Konsumismus. Abfall entsteht dabei praktisch keiner. Aber für andere fällt doch viel dabei ab.

Musik:

Yann Tiersen: „Le moulin“ aus: DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE / Original Filmmusik
Label: Ici d’ailleurs/Labels/Virgin 3810982