Zauberhafte Poesie

Vor einigen Jahren war ich an der Vorbereitung eines Symposions des Forum St. Stephan beteiligt. Es sollte um die „Erschließung von Wirklichkeiten in Wissenschaft und Kunst“ gehen, und ich bat den Geiger Ernst Kovacic um einen Beitrag.

Gedanken für den Tag 27.6.2018 zum Nachhören:

Wir waren in der Halle der Zacherlfabrik versammelt, einem orientalisch anmutenden Fabriksbau in Wien 19. Produziert wurde dort schon seit Jahrzehnten nichts mehr. Doch bot das dem ursprünglichen Zweck entfremdete und lange Jahre sich selbst überlassene Gebäude eine gute Umgebung für unser Vorhaben. Hier konnte Neues entstehen.

Gustav Schörghofer
ist Jesuitenpater, katholischer Theologe, Philosoph und Kunstwissenschaftler

Nur auf einer Geige möglich

Ernst Kovacic hatte seine Geige mitgebracht, ein wunderbares Instrument von Giovanni Battista Guadagnini aus dem Jahr 1753. Er erzählte uns allgemein etwas zum Spiel auf der Geige. Dann kam er auf ein Stück von John Cage zu sprechen, das dieser für Geige komponiert hatte. Ein kurzes Stück, nicht einmal zwei Minuten lang. Es erfordere höchste Konzentration, nicht nur vom Solisten, sondern auch vom Zuhörer. Dann begann er zu spielen. Doch merkwürdig: Da war keine Melodie zu hören, nichts von all dem, was ich normalerweise mit Geigenspiel in Verbindung brächte, sondern eine Abfolge einzelner Geräusche, Kratzen, Klopfen, Pochen, Zupfen. Und das alles, diese armselige Ansammlung von Nebengeräuschen auf einem Instrument, das doch zu den herrlichsten Melodien, den ergreifendsten Klängen fähig wäre. Warum kam das gar so armselig daher?

Doch mit zunehmender Dauer und bei sehr aufmerksamem Zuhören entdeckte ich in all dem einen tiefen Zauber. Eine Ordnung war zu hören und ein Rhythmus, das Instrument erklang auf eine Weise, wie ich nie eine Geige hatte klingen hören. Dieses Spiel war nur auf einer Geige möglich, nur sie konnte so klingen. Damals habe ich gelernt, dass aus dem, was normalerweise als akustischer Abfall verworfen wird, ein Kunstwerk von zauberhafter Poesie entstehen kann.

Musik:

David Simonacci/Violine und Giancarlo Simonacci/Klavier: „Nr. 1“ aus: „Six Melodies für Violine und Klavier“ von John Cage
Label: Brilliant classics 8850 (3 CD)