Schatz im Mistkübel

Der Mann saß auf dem Boden eines fensterlosen Raumes inmitten von Papier. Von Zeit zu Zeit wurde weiteres Papier über ihn ausgeschüttet, alles Makulatur eines Druckereibetriebs.

Gedanken für den Tag 28.6.2018 zum Nachhören:

Der Mann wühlte voller Freude in den um ihn herum aufgehäuften Papierabfällen, verglich, wählte aus und sammelte einen stattlichen Haufen zusammen. Den nahm er mit nach Hause. Dort zerschnitt er die Blätter, stellte das Zerschnittene neu zusammen, schuf Harmonien und Spannungen und schuf aus den Abfällen einer Druckerei jene kleinen Kunstwerke, die nun zu den großen Kostbarkeiten der Kunst des vergangenen Jahrhunderts gehören. Kurt Schwitters hatte nichts von einem Lumpensammler an sich. Er wirkte seinem Äußeren nach bürgerlich und ist in seiner Heimatstadt Hannover sicher nicht besonders aufgefallen. Allerdings konnte er im Anzug voll Begeisterung auf dem Gehsteig sitzen und einen weggeworfenen, eben gefundenen gebrauchten Fahrschein in ein Bild einfügen, dem gerade dieser Akzent noch gefehlt zu haben schien.

Gustav Schörghofer
ist Jesuitenpater, katholischer Theologe, Philosoph und Kunstwissenschaftler

Gering Geschätztes

Kurt Schwitters war begeistert von der Poesie jener Dinge, die andere wegwarfen. Als erster entdeckte er vor nun schon 100 Jahren, dass sich hier der Kunst ein völlig neues, bisher unbekanntes Reich voll zauberhafter Möglichkeiten eröffnet. Aus Holzstücken, Konservenbüchsen, Plakatresten und Abfall aller Art schuf er Bilder, Skulpturen und eine begehbare Rauminstallation.

Seine Aufmerksamkeit galt nicht dem Heroismus der großen Form, des überwältigenden Ausdrucks, keiner Ästhetik der Verführung, wie sie später von den Nationalsozialisten perfektioniert werden sollte. Er übte durch seine Kunst die Aufmerksamkeit für das gering Geschätzte, das als unbrauchbar Verworfene ein. Er eröffnete eine wunderbare Welt jenseits der Verheißungen einer entfesselten Konsumgesellschaft. Denn er entdeckte den Schatz im Mistkübel. Und er hat viele gelehrt, diesen Schatz ebenfalls zu erkennen.

Musik:

„La redecouverte“ aus: DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE / Original Filmmusik von Yann Tiersen
Label: Ici d’ailleurs/Labels/Virgin 3810982