16 Kilometer Abenteuer

Freitag - einmal noch den Weg zum Arbeitsplatz antreten, bevor das Wochenende kommt. Doch: Auch diese Wege haben ihre Bedeutung.

Morgengedanken 29.6.2018 zum Nachhören:

Für die Fahrtstrecke zu meinem Arbeitsplatz bieten sich unterschiedliche Straßenvarianten an. Der schnellste Weg ist die Autobahn, eine bekannte Nord-Südtransitroute. Zwischen Lärmschutzmauern könnte ich mit 100 Stundenkilometern gleichmäßig dahinfahren.

Barbara Haas
ist Leiterin des Bildungshauses St. Michael in Pfons in Tirol

Die alte Römerstraße

Meine Lieblingsroute ist die alte Römerstraße. Das ist eine Landstraße, die sich entlang der steilen Berghänge kurvig und eng taleinwärts schlängelt. Ich muss konzentriert, achtsam und langsam fahren. Gegenverkehr ist jederzeit zu erwarten und so ist meine volle Aufmerksamkeit gefordert. Unzählige Male bin ich diesen Weg schon gefahren. Die schmale, alte Straße ist mir vertraut. Ich habe das Gefühl, ich kenne jeden Strauch und jeden Baum. Auf den ersten Blick gibt es keine Veränderungen auf dieser Straße.

Trotzdem entdecke ich beinahe täglich etwas Neues. Manchmal sind es einfach nur besondere Blumen, die im Frühjahr nach einem kalten Winter endlich zu blühen beginnen. Im Sommer bearbeiten die Bauern die steilen Hänge. Im Herbst grüßen mich die Schulkinder auf ihrem Weg zur Schule. Schafe, Ziegen und Rinder grasen friedlich oberhalb oder unterhalb der Straße. Ich liebe diese alte, enge Straße. Sie nimmt mir Tempo aus meinem Leben, öffnet meinen Blick, fördert meine Aufmerksamkeit und hält genau im richtigen Maß kleine Überraschungen für mich bereit. 16 km kleines Abenteuer, so beginne und beende ich jeden meiner Arbeitstage.