Das Tempo der Tiere

Haben Sie keinen Hund oder waren Sie schon Gassi? Auch Hunde sind Menschen, heißt es nicht nur in Wien. Schwingt da etwas Mitleid mit den Hunden mit? Wir können dankbar sein, dass so manche Tiere uns, den Menschentieren, ihr Tempo vorleben, und damit ihren Begriff von Zeit, der nicht der unsere sein muss.

Gedanken für den Tag 4.7.2018 zum Nachhören:

In welcher Zeit lebt mein Goldfisch mit seiner Goldfischin oder der Frosch mit seiner Fröschin in der Morgendämmerung oder eben der Schäferhund mit seiner Schäferhündin, von der er nur träumen kann? Es ist eine Zeit ohne Uhr, eine Zeit, die nicht tickt und dennoch durch uns hindurchrinnt, wie das Wasser durch die Goldfische rinnt oder das Hochquellwasser durch die Schäferhunde, was zu diesem Frühstücksritual des Gassi-Gehens führen muss, ob wir wollen oder nicht.

Herbert Maurer
ist Schriftsteller und Übersetzer

Wenn Frösche bellen und Hunde quaken

Wie schnell oder langsam die Tier- oder Menschenzeit auch immer rinnen mag. Sie sollte zur richtigen Zeit am richtigen Ort ausrinnen (etwa beim Gassi-Gehen), so wie der Frühstückskaffe oder der Kamillentee in uns hineinrinnt. Das Tempo der Tiere braucht keine Wecker, braucht keine Zeit- und Geschwindigkeitsmesser. Von diesem Zeitgefühl könnten wir lernen. Für uns ist das Tempo so oft nur brutal, uns fremd, während die Tiere oder Hunde ihre eigene Uhr sind, ein Wecker mit Fell und Schwanz.

Besonders um diese grausame Zeit, in der Morgendämmerung, bei Sonnenaufgang, der vielleicht auch etwas Hoffnung gibt, könnte das ungehörte Ticken des Goldfisches ein Hauch von Ewigkeit sein, ein Stück Zeit, das gut schmeckt, auch wenn die Frösche bellen und die Hunde quaken. Um diese Zeit ist das normal. Füttern sie die Tiere gut, und sich selbst.

Musik:

Aldo Ciccolini/Klavier: „Chanson canine / Hundelied“ von Erik Satie
Label: EMI CDS 5550762