Extremismus

Es wird wohl nicht nur mir so gehen: Jede Form von Extremismus ist mir suspekt. Besonders, wenn es sich um religiösen Fanatismus handelt. Da bin ich besonders allergisch, gerade als gläubiger Mensch. Für mich gehört es zum Wesen von Religion, sich um ein besseres Miteinander zu bemühen, um mehr Mitmenschlichkeit, mehr Gerechtigkeit, mehr Verständnis füreinander bei aller Verschiedenheit.

Zwischenruf 8.7.2018 zum Nachhören:

Dass dies der Auftrag Gottes an jeden und jede ist, darin sind sich alle großen Religionen einig. Und wenn das so ist, darf Religion auf keinen Fall dazu führen, zu spalten und Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Eigene Glaubensüberzeugung – ja. Mit Überzeugung auch gegenüber anders Glaubenden vertreten – das macht einen guten Dialog aus. Aber die eigene Überzeugung dazu zu missbrauchen, Feindbilder zu schaffen, sich abzuschotten oder andere für minderwertig zu erklären, widerspricht vollständig dem, was Religion eigentlich will.

Johannes Wittich
ist evangelisch-reformierter Oberkirchenrat in Österreich

Statement gegen Extremismus

Für jemanden wie mich, der als Pfarrer im multikulturellen und multireligiösen zehnten Bezirk von Wien, in Favoriten, tätig ist, ist der Dialog zwischen den Religionen eine Selbstverständlichkeit. Und so freue ich mich, dass schon seit einigen Wochen in meinem Bezirk gemeinsam ein Gedenken an die Reichspogromnacht im November 1938 vorbereitet wird, und zwar von Kirchen unterschiedlicher Konfessionen, Moscheen unterschiedlicher Herkunft und Vertretern der israelitischen Kultusgemeinde.

Dass sich auch muslimische Vertreterinnen und Vertreter an diesem Gedenken beteiligen, ist wohl nicht einzigartig, aber doch besonders. Antisemitismus ist ja in unserem Kontext, historisch bedingt, zunächst einmal ein Thema zwischen Juden und Christen. Mit der Beteiligung von Muslimen wird in der Feier nicht nur an eine Katastrophe aus der Vergangenheit gedacht. Sie wird auch zu einem Statement gegen religiöse Intoleranz heute, gegen jede Spielart von Hass, die mit Glaubensüberzeugungen begründet wird - ein Statement gegen Extremismus.

Man kann in keinen Menschen hineinsehen

Diesem ist mit aller Deutlichkeit entgegenzutreten. Daher habe ich mit Interesse von der Pressekonferenz von Vertretern unserer Bundesregierung vor einigen Wochen gehört, in der über die Schließung von Moscheen mit radikalem Gedankengut informiert wurde. Schließlich hat sich ein demokratischer Staat auf der Grundlage von Menschen- und Freiheitsrechten gegen extremistische Umtriebe zur Wehr zu setzen, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen.

Zwischenruf
Sonntag, 8.7.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Verwundert hat mich dann allerdings schon, dass ausgerechnet eine im interreligiösen Dialog besonders engagierte Moschee in meiner Nachbarschaft plötzlich geschlossen war. Wegen extremistischer Aktivitäten, hieß es, wie gesagt. Eine Moschee, deren Vertreter gerade noch bereit waren, gemeinsam mit Christen und Juden zu beten und damit ein Zeichen gegen religiöse Intoleranz zu setzen.

Gewiss, man kann, wie es so schön heißt, nicht in einen Menschen hineinsehen. Und ich habe daher interessiert weiter in verschiedenen Zeitungen nach Informationen gesucht, welche fragwürdigen Aktivitäten zur Schließung geführt hatten. Auch, um herauszufinden, ob ich vielleicht selbst Opfer einer Täuschung geworden sei.

Worum es gegangen ist

Allein – inzwischen ist es allgemein bekannt: Wenige Tage nach der Schließung war die betreffende Moschee wieder geöffnet, fanden sich Menschen dort wieder zum Gebet ein. Und im Weiteren war zu erfahren: Die Schließung erfolgte aufgrund von formalen Kriterien, nicht aufgrund inhaltlicher. Worin die extremistischen Aktivitäten dieser Moschee bestanden haben sollen, darüber gibt es bis heute keine Information von Vertretern unserer Regierung.

Ist damit die Angelegenheit erledigt? In sozialen Medien wird vermutet, dass wohl schon etwas Wahres an den Vorwürfen dran gewesen sein wird. Die betroffene Moschee kann sich allerdings dagegen nicht wehren. Vielleicht wäre es daher gut, wenn noch einmal eine Pressekonferenz der Regierungsspitze stattfinden würde. Einfach, um aufzuklären, worum es nun wirklich gegangen ist.