Imagination, die treue Begleiterin

Erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Pfarrhaus im englischen Yorkshire. Draußen toben ab und zu die Stürme. Drinnen, im Haus, sitzen vier Kinder im Alter zwischen 8 und 11 Jahren. Die Mutter ist tot, der Vater Patrick Brontë als Pfarrer der Church of England beschäftigt.

Gedanken für den Tag 30.7.2018 zum Nachhören:

Spielzeug gibt es keines. Nur jene zwölf Holzsoldaten, die der Vater einmal mitgebracht hat. Die Kinder geben ihnen Namen, Rollen, Identitäten. Kinderbücher gibt es keine. Aber Zeitungen. Jede Woche holt der Vater Leihbücher, Zeitungen und Journale. Die Kinder lesen sie eifrig. Die Fantasiewelten um die „jungen Männer“, diese aus den Holzsoldaten entstandenen Figuren, wachsen und wachsen. Die Kinder erfinden eine Insel und bevölkern sie. Mit Politikern, Künstlern, Gelehrten, Schriftstellern und Ärzten ihrer Zeit. Was sie lesen, findet Eingang in ihre Geschichten. Hauptstädte werden erfunden und Karten gezeichnet. So entsteht „Angria“. Charlotte und ihr Bruder Branwell werden noch Jahre an dieser fiktiven Welt basteln und schreiben, zudem ein Journal erfinden, das Leitartikel, Essays, Satiren und Rezensionen enthält.

Schreiben bis zum Lebensende

Papier ist teuer. Also wird, was man nur irgendwie bekritzeln kann, beschrieben. Jedes Fitzelchen Papier wird mit Nadel und Faden zu kleinen Büchern gebunden. Ergänzt werden die Geschichten durch eigene Sachbücher: Die Kinder erfinden und kreieren Lexika und Geschichtsbücher. Während Charlotte und Branwell in Angria bleiben, entwerfen Emily und Anne sich mit Gondal ein eigenes Reich. Weniger wild, weniger militärisch.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Germanistin, Theologin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Emily Brontë wird daran fast bis zu ihrem Lebensende schreiben. 200 Gedichte und Fragmente sind von ihr überliefert, ungefähr 70 davon sind, so nimmt man an, aus dieser Sage entstanden. Dass die Imagination der Schriftstellerin all die traurigen Momente ihres Lebens überleben half, diese Spuren finden sich ebenfalls in ihren lyrischen Texten. In manchen Gedichten spricht Brontë die Imagination direkt an, sie heißt sie in konkreten Anspielungen an die Heilig Geist-Anrufungen willkommen als gütige Kraft, als treue Begleiterin. Die Imagination schenkt ihr zusammen mit der ebenso wichtigen Freiheit unbestrittene Souveränität.

Musik:

„Stay“ von Siobhan Fahey, Marcella Detroit and David A. Stewart
Label: London Records