Wörter büffeln

Das Leben der Familie Brontë liest sich – in welcher Version auch immer erzählt – selbst wie ein großartiger, tragischer, kurzer Roman. Patrick Brontë, in Irland geboren, kann mit Hilfe eines Stipendiums in Cambridge studieren und wird zum Priester der Church of England geweiht.

Gedanken für den Tag 31.7.2018 zum Nachhören:

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Nach unterschiedlichen Stationen zieht er mit seiner Frau und den sechs Kindern 1820 nach Haworth im englischen Yorkshire. Seine Frau stirbt bald. Er versucht den Mädchen eine gute Ausbildung zu ermöglichen, schickt sie in ein Internat. Doch dort herrschen nicht nur nahezu sadistischer Drill, der den Mädchen zusetzt, sondern auch Epidemien. Die beiden älteren Töchter werden todkrank nach Hause geschickt, wo sie bald sterben. Die anderen Mädchen holt der Vater daraufhin sofort nach Hause.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Germanistin, Theologin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Die vier verbleibenden Kinder verbindet eine Schicksalsgemeinschaft, sie haben einander, das Moor, Lektüren und das Schreiben. Die drei Mädchen Charlotte, Emily und Anne werden später Romane verfassen, sogar Klassiker der Weltliteratur. Gerade 30 Jahre aber ist Emily alt, als sie kurz nach ihrem Bruder 1848 stirbt. Ein halbes Jahr nach ihr folgt Schwester Anne, wenige Jahre später Charlotte. Der Vater überlebt seine Kinder alle.

Wörter büffeln

Diese Handlung schrieb das Leben, sie trug dazu bei, dass die Lebensgeschichte der Brontës zu einem Mythos wurde. Noch heute pilgern Menschen zum einstigen Wohnhaus. Die anziehende Legende entstand aber auch durch die Mithilfe von Charlotte, die nicht zuletzt, um die starken und verstörenden Texte ihrer Schwester Emily zu erklären, auf das raue Leben auf dem Land und seine Folgen hingewiesen und dies kräftig ausgemalt hat. In ihrem Vorwort zur Neuausgabe von Emilys Roman „Sturmhöhe“ etwa schreibt sie, die Vorwürfe von Kritikern aufgreifend: „Das Buch ist ländlich durch & durch. Es ist morastig & wild und so verknorzt wie die Wurzel des Haidekrauts. Unnatürlich wärs, wenns anders wäre – ist doch die Autorin selber ein Kind der Moore.“

Diese Lesart prägte lange die Rezeption des Romans und das Bild von Emily Brontë. Die intellektuelle und sprachliche Leistung der Autorin blieb dabei unterbelichtet. Emily Brontë las viel – sie soll auch beim Bügeln gelesen haben. Und sie arbeitete an der Sprache. „Zwar habe ich eine Menge Bücher in Arbeit“, schrieb sie an ihrem 23. Geburtstag, am 30. Juli 1841, „aber ich muß leider sagen, daß ich wie üblich mit keinem so recht vorankomme. Immerhin habe ich soeben einen neuen Arbeitsplan aufgestellt!, und ich muß Wörter büffeln, um große Dinge zustande zu bringen.“

Musik:

„Shadow on the wall"von Mike Oldfield
Label: Virgin CDV 2262