In ungeheurer Unordnung

Emily Brontë wird am 30. Juli 1818 in eine patriarchale Gesellschaft geboren. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt sich die englische Gesellschaft nach und nach umzubauen in Richtung Gleichberechtigung der Frau, auch in juristischer Hinsicht.

Gedanken für den Tag 3.8.2018 zum Nachhören:

1857 erhält die Frau das Recht auf Scheidung, 1870 das Recht auf Verwaltung des eigenen Vermögens. Immer mehr Männer melden sich gegen die Unterdrückung der Frau zu Wort, und zur Jahrhundertwende entdecken auch Schriftsteller die Frauenfrage.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Germanistin, Theologin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

In den dreißig kurzen Jahren, in denen Emily Brontë lebte, war von beruflicher Entfaltung und selbstständiger Partnerwahl kaum die Rede. Ein guter Seefahrer wäre sie, attestierte ihr der Lehrer in Brüssel. Doch ihre Berufsmöglichkeiten waren Lehrerin oder Gouvernante oder eben Ehefrau und Mutter. Emilys ältere Schwester Charlotte hatte auf ihre Bittschrift bezüglich einer möglichen Publikation von einem Schriftsteller einmal folgende Antwort erhalten: „Literatur kann und soll nicht der Lebensinhalt einer Frau sein. Je mehr diese ihren wahren Pflichten nachgeht, desto weniger Muße wird sie dafür haben, und sei es auch nur als Zeitvertreib und Zerstreuung. Zu diesen Pflichten wurden Sie noch nicht berufen, doch wenn es so weit ist, werden Sie nicht länger nach Berühmtheit gieren. Dann werden Sie nicht mehr in Ihrer Phantasie nach Aufregung suchen, sondern diese wird Ihnen durch die Wirren und Sorgen des Lebens selbst … im Überfluss beschert werden.“ Soweit der Schriftsteller-Kollege.

Der Impuls, der sie zum Schaffen drängte

Kein Wunder, dass die drei schreibenden Brontë-Schwestern Charlotte, Emily und Anne ihre Manuskripte dann mit männlichen Pseudonymen versahen. Ihre Werke erschienen unter den Namen Currer, Ellis und Acton Bell – die Initialen verweisen auf die Autorinnen. Emily Brontë wird ihr Pseudonym Zeit ihres Lebens nicht lüften.

Ihr einziger Roman „Sturmhöhe“ ist kein Emanzipationsroman. Aber wie Brontë hier unter anderem über Gewalt an Frauen schreibt, auch innerhalb der Ehe, das ist schon ziemlich unerhört in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, in denen es sonst galt, verschämt Punkte anzubringen, wo es heikel werden konnte. Brontës Leistung ist nicht nur eine ästhetische - ihre großartige Sprache und die gekonnte Form. „Der Impuls, der sie zum Schaffen drängte“, schrieb 1916 Schriftstellerkollegin Virgina Woolf, „waren nicht eigenes Leiden oder eigene Kränkungen. Sie blickte hinaus auf eine Welt, die zerrissen in ungeheurer Unordnung vor ihr lag, und fühlte die Kraft in sich, sie in einem Buch zu einen.“

Musik:

„You know I’m no good“ von Amy Winehouse
Label: Island/Universal 3713676/1714211