Es gibt die Realität

Die Dinge einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen, das kann durchaus erstaunliche Erkenntnisse bringen. Jenseits des Gewohnten wartet das Neue.

Morgengedanken 9.8.2018 zum Nachhören:

Nach langer Betrachtung der umliegenden Landschaft aus verdrehter Perspektive sagte ein Zen-Meister: „Es gibt die Realität.“ Er hatte sich auf den Kopf gestellt, um die Frage nach dem Wesen der Dinge besser beantworten zu können.

Aglaia Maria Poscher-Mika
ist Sängerin, Musiktherapeutin und Beauftragte der Diözese Feldkirch für den interreligiösen Dialog

Kopfstand

Tatsächlich müssen wir manchmal unsere gewohnten Bahnen verlassen, um das, was wir für normal halten, mit frischem Blick sehen zu können. Der Fastenmonat Ramadan bildet eine der fünf Säulen des Islam. Niemals werde ich mein erstes Erleben dieser Fastenzeit vergessen, als ich 2012 als Gastprofessorin in Jerusalem war. Mit Einbruch der Dämmerung strömten ganze Menschenmassen durch die Altstadt, der Basar war voller Köstlichkeiten und bunte Lichterketten schmückten die engen Gassen. Die Nacht wurde zum Tag – und am nächsten Morgen waren die Straßen kleinerer Städte der Umgebung wie ausgestorben.

Nicht selten stoßen diese Gepflogenheiten im Westen auf Unverständnis. Ob es nun gesund sei, Speise und Trank ausschließlich des Nachts zu sich zu nehmen, sei dahingestellt. Doch etwas ganz Wichtiges eröffnet ein Befolgen der Fastenregeln den Gläubigen: Ihnen erschließt sich eine neue Perspektive auf ihr Leben. Und das sei auch der tiefere Sinn des Ramadan. Fürchten wir uns also nicht, wenn auch unser Leben manchmal einen Kopfstand macht!