Damit du leben kannst…

Jeremia starrt auf die Trümmer des Tempels und kann es nicht glauben, dass dieser in Schutt und Asche liegt. „Freu dich doch!“, sagen seine Freunde, „jetzt sehen die Menschen, dass Gott dich geschickt hat, jetzt sehen sie, dass du sie nicht umsonst ermahnt und geschimpft und zur Einsicht aufgerufen hast. Endlich werden sie erkennen, dass du Recht hast.“

Zwischenruf 19.8.2018 zum Nachhören:

„Stimmt schon“, murmelt er vor sich hin, aber glücklich ist er nicht. „Wie kann ich glücklich sein?“, schreit er plötzlich laut in diese Geisterlandschaft. „Wie kann ich glücklich sein, wenn alles zerstört ist, was ich je geliebt habe? Wie kann ich glücklich sein, wenn mein Volk auf der Flucht ist? Wenn Menschen, die ich geliebt habe, auf der Strecke bleiben, weil sie gescheitert sind, ihr Leben durch ihre eigene Schuld verloren haben? Gott, welchen Prüfungen setzt du mich aus? Und was wird von mir bleiben, an diesem Ort? Nichts. Nichts, denn auch ich habe versagt. Alles umsonst.

Sieglinde Pfänder
ist evangelisch-lutherische Pfarrerin in Oberwart im Burgenland

Tränen und eine Scherbe

Vielleicht gibt’s dich ja gar nicht, vielleicht ist der Bund, den du mit uns geschlossen hast nur eine Illusion, um ein paar Gutmenschen bei der Stange zu halten, um ein paar unsicheren Angst zu machen, um Macht auszuüben, um Leute klein zu machen, die schon klein sind, damit sie einem Phantom hinterherlaufen. Gott, manchmal hasse ich dich!“

Jeremia ist blind vor Tränen. Er stolpert und fällt. Ein scharfer Schmerz durchzuckt seine Hand. Er schaut auf und merkt, dass er sich an einer Tonscherbe geschnitten hat. Vorsichtig hebt er sie auf. Seine Finger spüren, dass auf der Scherbe Buchstaben eingeritzt sind. Er fühlt konzentrierter, wischt sich die Tränen ab, schaut genau … und erkennt staunend die hebräischen Wörter: „Damit du lebst!“

Eine Chance auf Rettung

„Damit du lebst!“ Hoffnung mitten in einem Scherbenhaufen. Die Chance auf Rettung mitten im Chaos. Sein ganzer Glaube an Gott in drei Wörtern zusammengefasst. „Damit du lebst!“

Zwischenruf
Sonntag, 19.8.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Diese Szene finden wir nicht wirklich im Buch des Propheten Jeremia, so wie es uns die Bibel überliefert, aber in Anklängen in Franz Werfels Roman über den Propheten: „Jeremias, Höret die Stimme.“ Franz Werfel war ein österreichischer Schriftsteller jüdisch-deutschböhmischer Herkunft. Er ging aufgrund der nationalsozialistischen Herrschaft ins Exil und wurde 1941 US-amerikanischer Staatsbürger. Sein Roman ist der Versuch, die Worte Jeremias in seine Zeit zu schreiben. Werfel thematisiert das drohende Unheil des Nationalsozialismus und erhebt so seine Stimme gegen diese extreme Form der kollektiven Menschenverachtung.

„Damit du lebst!“ Um das eigene Leben im Exil, um das Leben der anderen mitten im Wahnsinn seiner Zeit zu verarbeiten, muss Werfel eine Zukunft thematisieren, die Sinn macht, eine Zukunft ansprechen, in der die teuflische Logik von Schuld und Sühne durchbrochen - vielleicht sogar durch Liebe - überwunden werden kann. Das rettende Ufer in Sicht kommt. Werfel schreibt: „Wahrhafte Größe gewinnt derjenige, der unter Einsatz des eigenen Rufes, Vermögens und Lebens Zeugnis ablegt von Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe.“

Lebendige Hoffnung

„Damit du lebst!“ Die Scherbe im Trümmerhaufen - ein Stück lebendige Hoffnung, im Chaos des Lebens. Manchmal stolpern wir über sie, manchmal müssen wir sie mühselig suchen. Ich finde, wir brauchen sie auch in unserer Zeit, diese Scherbe, die uns bewusst daran erinnert, dass Christeninnen und Christen Gott als die Schöpferkraft allen Lebens bekennen, als den, der das Leben seiner Menschen will, weil ER seine Schöpfung in ihrer Vielfalt und Buntheit liebt.

„Damit du lebst!“ Heribert Prantl, Journalist der Süddeutschen Zeitung, kein Pfarrer, hat im Februar davon gesprochen, dass wir in unserer Zeit „die Sprache der Rettung, der Hoffnung und des Glaubens“ nicht verlernen dürfen. „Die Hoffnung“, sagt er, „beginnt mit dem eigenen TUN. Wir brauchen den Mut zum Miteinander, um die Zukunft demokratisch zu gestalten.“ (Quelle: ORF V, Orf.at: Prantl: „Die Kraft der Hoffnung, in schwierigen Zeiten“)

„Damit du lebst!“ Damit auch andere leben und die Kraft finden können, aus dem Trümmerhaufen ihres Lebens aufzustehen, werde ich, die ich in der Fülle lebe, die Sprache der Rettung, der Hoffnung und des Glaubens auch weiterhin pflegen.