Gewalt im Gesundheitswesen

Im April lud das Wiener Institut für Ethik und Recht in der Medizin zu einer Tagung ein, deren Thema es in sich hatte. Es ging um Gewalt und gewaltfreies Arbeiten im Gesundheitswesen.

Zwischenruf 26.8.2018 zum Nachhören:

Der Festsaal der Medizinischen Universität Wien war voll besetzt. Angehörige aller Gesundheitsberufe diskutierten mit Expertinnen und Experten über Erscheinungsformen, Häufigkeit und Ursachen von Gewalt sowie über wirksame Strategien zu ihrer Vermeidung.

Ulrich H.J. Körtner
ist Professor an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Wien

Ein brisantes Thema

Erst kürzlich wurden schwere Vorwürfe gegen Mitarbeiter der Psychiatrie am Landeskrankenhaus Graz Süd-West erhoben. Sie sollen demente Patienten, die unter Aggressionen und Depressionen leiden, verbal und körperlich misshandelt haben.

Gewalt zeigt sich nicht nur als Tätlichkeiten, körperliche Übergriffe und Belästigungen, sondern auch auf der verbalen Ebene. Das gilt auch für sexuelle Gewalt, die in Medizin und Pflege ebenfalls ein Thema ist. Gewalt in Medizin und Pflege kann bis zu Tötungsdelikten reichen. Es geht aber nicht nur um spektakuläre Fälle von Tötung, Sadismus oder Verwahrlosung, sondern auch um subtile Formen der Gewaltausübung im Alltag. Es müssen nicht immer Schläge oder Kniffe sein. Manchmal sind Menschen einfach nur grob.

Unterschiedliche Formen von Gewalt

Gewalt kann auch mit Worten ausgeübt werden, mit Beschimpfungen und Drohungen. Jemand herrscht einen Patienten an, er solle sich nicht so anstellen oder wehrt eine Beschwerde mit der Bemerkung ab: „Sie übertreiben!“ Gewaltförmig verhält sich, wer das Zimmer eines Patienten oder Bewohners betritt, ohne anzuklopfen, jemanden ohne weitere Erklärungen zum Aufstehen zwingt, einen Patienten ohne Rechtsgrund im Rollstuhl oder gar im Bett fixiert, jemanden zum Duschen zwingt, einen Patienten oder Bewohner nicht rechtzeitig zur Toilette begleitet, ihm schmutzige Kleidung anzieht oder nicht ausreichend zu essen und zu trinken gibt.

Zwischenruf
Sonntag, 26.8.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Zu sprechen ist allerdings nicht nur über Gewalt, die von Angehörigen der Gesundheitsberufe ausgeübt wird, sondern auch von tätlicher und verbaler Gewalt, die von Patienten ausgeht. Sei es, dass Ärzte und Pflegekräfte Opfer von Patientengewalt werden, sei es, dass Patienten oder Bewohner andere Patienten attackieren.

Ein besonders heikles und gern tabuisiertes Thema ist schließlich Gewalt in der häuslichen Pflege, wo nicht nur professionelle Kräfte im Einsatz sind, sondern auch Familienangehörige. Schon bestehende Abhängigkeitsverhältnisse in der Familie können Gewalt in der Pflege fördern.

Ursachen und Gegenstrategien

Gewalt hat unterschiedliche Ursachen. Chronische Überlastung, aber auch mangelhafte Kontrollen auf seiten von Angehörigen der Gesundheitsberufe, der Einrichtungen und ihrer Träger, aber auch angespannte häusliche Verhältnisse, die Überforderung pflegender Angehöriger sind ebenso zu nennen wie persönliche Antipathien. Verbale und nonverbale Gewalt kann auch zum Krankheitsbild eines Patienten gehören, etwa bei Demenz. Sie kann zum Beispiel durch nicht artikulierte oder erkannte Schmerzen ausgelöst werden.

Völlige Gewaltlosigkeit ist freilich streng genommen eine Utopie, müssen wir doch grundsätzlich zwischen illegitimen und legitimen Formen von Gewalt und Macht, zwischen violence und power, unterscheiden. Ein Stichwort auf der eingangs erwähnten Tagung war Patienten-Empowerment. Gemeint ist, Patienten in ihrer Selbstständigkeit und ihrem Selbstbestimmungsrecht zu stärken. Auch das ist eine Form der Macht, ebenso wie jede Form des Heilens und Helfens. Die Ambivalenz der helfenden Macht besteht darin, dass sie selbst zum Zwang und zur Herrschsucht pervertieren kann. Gerade der Versuch, einem Menschen zur Selbsthilfe zu helfen, kann an die Grenze von Bevormundung und Zwang geraten.

Qualitätssicherung und Kontrolle, Strategien und Methoden der Prävention und der Deeskalation sind ebenso wichtig wie ethische Bewusstseinsbildung und Schulung. Gefordert ist ein verantwortlicher Umgang mit den Ambivalenzen der Macht.