Grenze

Mit dem Jahr 1968 verbinde ich ein Abenteuer an der damaligen innerdeutschen Grenze. Es war der 24. Juli, als wir zu fünft, meine Eltern, meine Oma, meine Tante und ich, mit dem Auto von Berlin durch die DDR Richtung Westen fuhren.

Gedanken für den Tag 5.9.2018 zum Nachhören:

Als wir auf westdeutschem Gebiet, im Rasthaus Zweidorfer Holz, übernachten wollten, stellten meine Eltern bestürzt fest, dass die auf dem Dachträger unseres Wagens montierten Koffer fehlten.

Heiner Boberski
ist Journalist und Autor

Ehrlicher Bürger der DDR

Was tun? Nach mehreren Telefonaten erfuhren wir, dass unsere Koffer möglicherweise am Grenzübergang Helmstedt/Marienborn lagen. Wir ließen Oma und Tante im Rasthaus und fuhren zurück an die DDR-Grenze. Dort war die erste Reaktion: Wir wissen nichts von hier abgegebenen Koffern. Man ließ uns eine Weile warten, dann kam die erlösende Mitteilung: Ja, die Koffer seien da, aber wir seien beim falschen Posten, nämlich bei der Einreisekontrolle in die DDR, wir müssten auf die andere Autobahnseite zur Ausreisekontrolle. Wir durften ausnahmsweise im Grenzbereich auf die Gegenfahrbahn wechseln und dabei umdrehen. „Das ist ja ulkig“, kommentierte in einer Baracke eine DDR-Grenzbeamtin den ganzen Vorfall und händigte uns nach einigen bürokratischen Hürden die Koffer aus.

Mein Vater wollte wissen, wem er die Wiederbeschaffung der Koffer zu verdanken habe, erfuhr aber nur, „ein ehrlicher Bürger der Deutschen Demokratischen Republik“ habe sie abgegeben. Ohne die Existenz dieser Grenze hätten wir unser Gepäck vielleicht nicht oder nicht so bald wiederbekommen. Trotzdem ist mir das spätere Europa ohne Grenzkontrollen weit sympathischer, und ich finde, man sollte dafür kämpfen, dass es dabei bleibt.

Monate später erhielten meine Eltern einen Brief vom Finder der Koffer. Er hatte sich den Namen vom Kofferanhänger abgeschrieben, ehe er seinen Fund bei der Autobahnpolizei ablieferte. So konnte sich mein Vater gegenüber dem „ehrlichen Bürger der Deutschen Demokratischen Republik“ doch noch erkenntlich zeigen.

Musik:

Louis Armstrong: „What a wonderful world“ aus: GOOD MORNING, VIETNAM / Original Filmmusik von George David Weiss und Bob Thiele
Label: A&M 3969692