Sprünge in die Zukunft

Wenn ich an 1968 denke, stelle ich fest, dass ich seither von einem mittelgroßen zu einem sehr kleinen Patrioten geworden bin.

Gedanken für den Tag 7.9.2018 zum Nachhören:

Anlässlich der Olympischen Winterspiele von Grenoble schrieb ich zweimal das Wort „Skandal“ in mein Tagebuch: das erste Mal, als der Eiskunstläufer Emmerich Danzer nach einem schlechten Pflichtprogramm trotz einer überragenden Kür nicht jene Bewertung erhielt, die für eine Medaille gereicht hätte; das zweite Mal, als der Skiläufer Karl Schranz aus meiner Sicht zu Unrecht im Slalom disqualifiziert und um den Olympiasieg gebracht wurde. Ich neige heute noch der Meinung zu, er wäre nicht disqualifiziert worden, hätte sein Sieg nicht ausgerechnet das dritte Olympiagold des französischen Skihelden Jean Claude Killy verhindert.

Heiner Boberski
ist Journalist und Autor

Sprünge in die Zukunft

Sport und Politik, Sport und Nationalismus, das sind Zusammenhänge, die leider kaum zu trennen oder auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren sind. Bei den Olympischen Sommerspielen1968 in Mexiko wurde das Thema Rassismus aktuell, als die Siegerehrung für den 200-Meter-Lauf stattfand. Geballte Fäuste in schwarzen Handschuhen fuhren zur Hymne der USA in die Höhe. Der Gold- und der Bronzemedaillengewinner wollten aufzeigen, dass ihr Land zwar gerne ihre sportlichen Erfolge vereinnahmte, sie aber sonst aufgrund ihrer Hautfarbe nur als Bürger zweiter Klasse behandelte.

Mir waren und sind solche Kundgebungen bei Sportereignissen nicht sympathisch, auch wenn ich verstehe, dass manche Sportler politische Anliegen haben und vor dem größtmöglichen Publikum auf sie hinweisen wollen.

Bei den damaligen Sommerspielen erlebte die Sportwelt grandiose Leistungen – allen voran den Weitsprung des Amerikaners Bob Beamon. Er erreichte unglaubliche 8,90 Meter und verbesserte damit den Weltrekord um 55 Zentimeter. Natürlich half ihm bei diesem Rekord die dünne Höhenluft der mexikanischen Hauptstadt. Aber möglicherweise hat es ja auch im übertragenen Sinn seine Richtigkeit, dass man sich für große Sprünge in die Zukunft immer einer dünnen Luft aussetzen muss.

Musik:

Steppenwolf: „Born to be wild“ aus: EASY RIDER / Original Filmmusik von Mars Bonfire
Label: MCA 2292504542