Die Göttin

In ihren Morgengedanken spricht Andrea Nagele heute über mythisch-religionswissenschaftliche Hintergründe eines Bildes, das sie in einer alten Kirche gefunden hat.

Morgengedanken 5.10.2018 zum Nachhören:

Wenn ich an mein Klagenfurt denke, fällt mir nicht als Erstes der Lindwurm oder der Wörthersee ein, sondern Orte aus meiner Erinnerung. Vor Jahren hielt ich an der Klagenfurter Uni Vorlesungen. Göttinnen spielten dabei eine zentrale Rolle. Und so bin ich auch der Schlangenfrau von Klagenfurt begegnet. Gefunden hab ich sie auf dem Radsberg in einer spätgotischen Kirche.

Andrea Nagele
ist Psychotherapeutin und Krimiautorin in Klagenfurt

Dreifaltigkeit

Sie ist die klassische Frau auf den zweiten Blick. Was ich damit meine, ist einfach erklärt. Unter dem Verputz wurde ein Fresko entdeckt, eine Frau im weiten langen Rock ‒ auf dem Kopf Lorbeerkranz mit Kreuz, in der Hand einen Apfel, zwei Schlangen saugen an ihren Brüsten, eine nähert sich von unten, neben ihr ein Knabe.

Gräbt man tiefer, offenbart sich ein weiterer Inhalt: In den matriachalen Mythen wird die Frau, entsprechend der Mondphasen, häufig als dreifaltige Göttin dargestellt ‒ zunehmender, voller und abnehmender Mond. In der Gestalt des Mädchens, der Frau, der Greisin, die über Himmel, Erde und Unterwelt wacht. Der Heros als Samenspender ist ihr Trabant. Durch sie erfährt er sein Schicksal: Geburt, Initiation, Heilige Hochzeit, die Todesreise durch die Unterwelt und die glückliche Wiedergeburt. Die Göttin bleibt wie die Jahreszeiten unsterblich und erweckt ihren Begleiter immer aufs Neue zum Leben.