Auf den Spuren Ulrich Zwinglis

Vor einigen Tagen unternahm ich gemeinsam mit dem römisch-katholischen Bischof von Feldkirch, Benno Elbs, und mehreren Journalisten eine ökumenische Pressereise in die Schweiz.

Zwischenruf 7.10.2018 zum Nachhören:

Anlass dafür war das bevorstehende Zwinglijahr, das auch in Österreich begangen wird. Die reformierte Kirche in Österreich ist stark geprägt vom Zürcher Reformator, der auch kurze Zeit in Wien studierte. Vor 500 Jahren wurde Zwingli als Priester ans Großmünster nach Zürich berufen. Das war der Anfang der sogenannten reformierten Reformation.

Thomas Hennefeld
ist Landessuperintendent der evangelisch-reformierten Kirche in Österreich

Menschliche Gerechtigkeit

Aber seine Reformation war nicht nur geistlich, sondern auch weltlich. Sie war nicht nur eine Reformation des Glaubens, sondern auch der Gesellschaft. So übte Zwingli scharfe Kritik an gesellschaftlichen Missständen. In seinen Predigten hatte er immer auch die Situation der Menschen im Blick und damit auch Phänomene wie Egoismus, Heuchelei, Aberglaube oder Doppelmoral. Von daher fragte er nach der Instanz, die dem Menschen Ruhe verschaffen kann, die ihn entlastet und befreit und die ihm Orientierung schenkt. Seine Antwort: Jesus Christus. Das klingt frömmelnd, ist es aber nicht. Denn so sagt Zwingli: „Ein Christ sein heißt nicht, von Christus zu schwätzen, sondern ein Leben zu führen, wie er es geführt hat.“ Das ist dann nicht mehr so bequem. Mit seiner Haltung und Kritik an weltlichen und geistlichen Machthabern seiner Zeit machte er sich eine Menge Feinde. Das war ihm auch bewusst. Einmal sagte er: „Gottes Wort muss Widerstand haben, damit man seine Kraft sieht. Wenn ein Pfarrer nur leise tritt und süß daher schwatzt, geht alle Gerechtigkeit und Freiheit zugrunde. Ich habe alle meine Anfeindungen daher, dass ich kämpfe gegen Raub, Krieg und Gewalt.“

Der Mensch könne nach Zwingli die göttliche Gerechtigkeit nie erreichen, aber das bisschen menschliche Gerechtigkeit, das soll er mit aller Kraft verfolgen.

Politisches Christsein

Auch nach 500 Jahren kann man sich an dieser Haltung und dieser Überzeugung ein Beispiel nehmen. Gerechtigkeit war für Zwingli kein abstrakter philosophischer oder theologischer Begriff. Gerechtigkeit war etwas ganz Konkretes: So trat Zwingli gegen Versklavung und Leibeigenschaft ein, gegen das Söldnerwesen, bei dem mit Menschenfleisch gehandelt wurde, für eine Almosenordnung, die aber auch zum Ziel hatte, die Armut in der Stadt zu bekämpfen.

Zwischenruf
Sonntag, 7.10.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Das alles hat Zwingli aus der Bibel, aus dem Wort Gottes herausgelesen. Eine Trennung von persönlichem Glauben als Kraftquelle für das eigene Leben und gesellschaftlichem Einsatz für Schwache und Arme war ihm fremd. Ein unpolitisches Christsein war für ihn Aberglaube und Götzendienst.

Aus dieser Perspektive gilt es, sich auch heute in die Politik einzumischen, denn Politik geht alle etwas an, es betrifft ja das Zusammenleben von Menschen. Aber es geht nicht um irgendeine Politik, sondern um den Einsatz für die, die keine Stimme haben. Als Christ habe ich die Stimme zu erheben, wo immer die Würde von Menschen verletzt wird, wo Menschen in die Armut und Obdachlosigkeit getrieben werden, wo die Kluft zwischen Armen und Reichen wächst, wo ganze Gruppen in der Gesellschaft stigmatisiert, diskriminiert oder Grundrechte eingeschränkt werden. Das Reich Gottes auf Erden zu verwirklichen, das ist sehr hochgegriffen. Die göttliche Gerechtigkeit bleibt ferne, aber das bisschen menschliche Gerechtigkeit zu leben, würde das Leben vieler Menschen schon gehörig verbessern. Und damit tue ich nichts anderes, als den Willen Gottes zu erfüllen, ganz im Sinn Ulrich Zwinglis.