Atempause Sonntag

Wie viele Menschen bin auch ich durch Beruf und Ehrenamt während der Woche herausgefordert und manchmal auch an den Grenzen meiner Verfügbarkeit. Trotz vieler Aufgaben kann ich den Sonntag davon freihalten – etwas; was nicht allen Menschen in Österreich möglich ist.

Zwischenruf 11.11.2018 zum Nachhören:

Was auch immer ich alleine, mit Ehefrau, fallweise mit den erwachsenen Kindern oder Freunden tue, es hebt sich vom Alltag ab. Für mich ist auch das Mitfeiern des Gottesdienstes in meiner Gemeinde ein Fixpunkt für jeden Sonntag. All das hebt für mich den Sonntag heraus, macht ihn zu einem besonderen Tag, zu einem „Geschenk des Himmels“.

Alfred Trendl
ist Präsident des Katholischen Familienverbandes Österreichs

1 Million Menschen arbeitet am Sonntag

Seit 1. September gilt ein neues Arbeitszeitgesetz. Damit dürfen jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter vier Sonntage pro Jahr arbeiten. Vier Sonntage sind scheinbar nicht viel. Wenn Vater und Mutter erwerbstätig sind, sind es aber schon acht Sonntage im Jahr in einer Familie. Das bedeutet: Nahezu jeder 6. Sonntag wird zum Arbeitstag. Ja, es gibt Einschränkungen und Auflagen für die Sonntagsarbeit. Aber die Tür Richtung Sonntagsarbeit geht wieder einen Spalt weiter auf. Sonntagsarbeit wird sukzessive und kleinweise selbstverständlicher.

Sonntagsarbeit betrifft längst nicht mehr nur Tätigkeiten, die unverzichtbar sind, weil sie eine Grundversorgung garantieren und das öffentliche Leben aufrechterhalten: Polizei, Ärzte, öffentlicher Verkehr, Gastgewerbe, Museen und Freizeitangebote. Besonders stark nimmt die Wochenendarbeit im Handel und im produzierenden Gewerbe zu. Die Statistik Austria nennt nahezu eine Million Menschen in Österreich, die Sonntags berufstätig sind, Tendenz steigend. Ich danke diesen Menschen sehr, die am Sonntag zur Arbeit gehen, damit die große Mehrheit die freie Zeit genießen kann.

Familien- und Beziehungstag

Und dennoch: Der Sonntag ist ein besonderer Tag der Woche; eine Unterbrechung des Alltags. Er gibt der Woche den Rhythmus und schafft Raum zum Durchatmen, Raum zum Innehalten und Raum zum Feiern. Er gibt der Woche den Takt an. Er prägt für große Teile der Bevölkerung das gesellschaftliche, religiöse, kulturelle und familiäre Zusammenleben.

Der Sonntag ist ein Feiertag. Menschen leben nicht nur von der Arbeit. Sie brauchen auch Zeit zum Feiern. Der Sonntag zieht eine Grenze zwischen fremdbestimmter und selbstbestimmter Zeit. Er garantiert Zeitwohlstand und Lebensqualität – für jede einzelne Person und für die ganze Gesellschaft. Der Sonntag als gemeinsame freie Zeit mit anderen ist da, er muss nicht jedes Mal neu ausgehandelt werden.

Der Sonntag ist Familien- und Beziehungstag. Ein wesentlicher Punkt dafür ist die gemeinsame freie Zeit von möglichst vielen Familienmitgliedern, von möglichst vielen Menschen. Nur so können Beziehungen gepflegt werden. Nun frage ich mich: Wie kann Familie gelebt werden, wenn die Mutter am Donnerstag, die schulpflichtigen Kinder am Sonntag und der Vater am Dienstag frei hat?

Fixpunkt für gemeinsame Freizeit

Geht der freie Sonntag verloren, wird auch zivilgesellschaftliches Engagement schwieriger. Orte, Dörfer, Kirchen und Stadtteile leben davon, dass Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich tätig sind, sich in Vereinen und Organisationen engagieren. Ich laufe seit einigen Jahren beim Vienna City-Marathon; gemeinsam mit etwa 40.000 anderen. Wenn es plötzlich keinen gemeinsamen freien Sonntag mehr gäbe, würden keine 40.000 Menschen mitlaufen und viele andere zuschauen. Die örtliche Musikkapelle könnte nicht in voller Besetzung spielen, weil die Musiker nicht gleichzeitig frei haben und – es würden auch weniger Zuschauer sein. Das gilt für jede andere Veranstaltung auch.

Der Sonntag als gesellschaftliches Ritual des Innehaltens, des wichtigen Zeichens, dass es mehr als den – natürlich auch wichtigen - Beruf und Erfolg gibt, ist ein Jahrtausende altes Kulturgut, das wir uns in Österreich - im Vergleich zu anderen europäischen Staaten - weitgehend erhalten haben. Ich glaube, dass es auch für die Gesundheit, auch die psychische, ein wichtiger Impuls ist, diese Abwechslung zum Alltag gesellschaftlich gemeinsam zu erhalten und zu begehen. Wir brauchen den Sonntag als herausgehobene Zeit, als Fix- und Angelpunkt für gemeinsame freie Zeit. Als Atempause, als Tag der Begegnung, des Miteinanders und der Menschlichkeit. Auch wenn es seit 1. September möglich ist, mehr zu arbeiten, sollte dieses Instrument wirklich die Ausnahme bleiben.