Terror der Tugend, Terror der Gerechtigkeit

Das Glück ist ein neuer Gedanke in Europa, hat der Jakobiner Louis Antoine de Saint-Just, der „Gerechte“, verkündet. Albert Camus zufolge wird er, ähnlich und anders wie sein Gefährte Robespierre, der Unbestechliche, aus „höheren Gründen und Forderungen“ zum Terroristen aus Gerechtigkeitsinn.

Gedanken für den Tag 15.11.2018 zum Nachhören:

Die Idee vom allgemeinen Glück für alle ist ein Aufruf zu sozialer Gerechtigkeit, die die Jakobiner mit allen Mitteln durchzusetzen trachten. Wer sich ihren Maximen widersetzt, wird Opfer einer reinen revolutionären Moral, der terreur. Das emphatische Gerechtigkeitsgefühl rechtfertigt die Gewalt, die sich als gerechtes Mittel ethisch nicht rechtfertigen lässt. Das führt zum Konflikt zwischen Danton und Robespierre, so wie ihn Georg Büchner, selbst ein demokratischer Revolutionär, in seinem Theaterstück Dantons Tod erzählt. Büchners Robespierre, ein sehr trockener Mensch in der Revolte, warnt seine Anhänger davor, jene „Gerechtigkeit abzukühlen“, die die Gewalt gegen die Feinde in Gang hält. In pathetischer Emphase verkündet er: „[…] das Schwert des Gesetzes roste nicht in den Händen, denen ihr es anvertraut habt.“

Wolfgang Müller-Funk
ist Literatur- und Kulturwissenschaftler

Ein kleiner Schönheitsfehler

Robespierres Ansicht von Tugend und Gerechtigkeit, in deren Namen die Köpfe rollen, ist kein historischer Einzelfall geblieben. Für nicht wenige soziale Revolutionäre des 20. Jahrhunderts waren die Jakobiner, Sektierer, wie sie Camus nannte, historische Vorbilder in ihrem prekären Kampf für kompromisslose Gerechtigkeit und gerechte Verteilung des Glücks und seiner Güter.

Natürlich lässt sich sagen, dass die realsozialistischen Länder, die aus einem solchen Gerechtigkeitsempfinden entstanden sind, tatsächlich sozial gerechter als ihre kapitalistischen Nachbarn waren. Die Schere zwischen Arm und Reich war erheblich kleiner als selbst in den sozialen Marktwirtschaften im Westen Europas. Der kleine Schönheitsfehler bestand freilich darin, dass es sich um eine soziale Gerechtigkeit in relativer Armut handelte. Dass solche Gerechtigkeit von Menschen in Gang gesetzt wurde, deren Mangel an Empathie und deren menschliche Härte offensichtlich ist, war kein Zufall.

Musik:

Ricardo Requejo/Klavier und Hirofumi Fukai/Viola: „Märchenbilder op. 113 - für Klavier und Viola“ von Robert Schumann
Label: Claves 508201