Jesus und Marx

Es gab eine Zeit, in der sich Marxisten und Christen regelmäßig zum Gedankenaustausch trafen. Bei diesen Begegnungen spielte die Frage der Gerechtigkeit eine maßgebliche Rolle.

Gedanken für den Tag 17.11.2018 zum Nachhören:

Gerechtigkeit ist bis zu einem gewissen Grad immer sozial. Sie hat ihren Ort in der Gemeinschaft, in der Frage etwa der Verteilung von materiellen aber auch immateriellen Gütern wie Bildung oder Zugang zu kulturellen Techniken.

Zweifelsohne hat das Christentum ein sehr stark ausgeprägtes Denken und Fühlen in Richtung der Gerechtigkeit entwickelt. Es ist modern, weil es, kosmopolitisch wie sein ungläubiger Erbe, der Sozialismus, von der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen ausgeht. Daher rührt – das gilt wohl auch für den ihm verwandten Islam – die Zuwendung und Fürsorge für die Menschen in Armut und die Skepsis gegenüber dem Gerechtigkeitssinn und der ethischen Rechtschaffenheit der Reichen. Das Kamel und das Nadelöhr.

Wolfgang Müller-Funk
ist Literatur- und Kulturwissenschaftler

Ferne gerechte Welt

Zuweilen klingt in den Reden Jesu Skepsis an, dass die irdische Welt für Gerechtigkeit in einem strengen Sinn des Wortes nicht geschaffen zu sein scheint. Gerade dieser Umstand hat einen Heinrich Heine und einen Karl Marx in ihrer Religionskritik beflügelt. Den Himmel auf Erden herzustellen, war ihr Gegenvorschlag historischer Gerechtigkeit. Davon, dass alle alles haben sollen, ist bei Walter Benjamin die Rede.

Die Debatte zwischen Marx und Jesus ist verklungen. Die gerechte Welt, die der Marxismus herzustellen trachtete, erwies sich als so fern wie das himmlische Paradies. Umgekehrt wollen sich, wie die weltweiten Migrationen zeigen, die wirklich Armen dieser Welt, etwa in Afrika oder auch in Südamerika, nicht länger vertrösten lassen.

Die Forderung nach Gerechtigkeit hat verschiedene Seiten und viele Stimmen. Wir werden, frei nach Musil in Sachen Gerechtigkeit weiter und fort wursteln müssen. Ihre Postulate sind gebieterisch, manche von ihnen, nationalistische, womöglich aber auch alle Enteignungsfantasien, sind unannehmbar, weil sie unweigerlich zu neuer Ungerechtigkeit führen.

Musik:

Fenwick Smith/Flöte und Boston Chamber Music Society: „Sarabande“ aus: Sarabande und Rigaudon op. 60 - für Flöte, Viola und Klavier von Arthur Foote
Label: Northeastern 227