Religion und Vernunft

Zum 250 Geburtstag von Friedrich Schleiermacher: So einen Leichenzug hatte Berlin noch nicht erlebt. Tausende Menschen säumten die Straßen oder verfolgten von den Fenstern der Wohnhäuser den Trauerzug.

Gedanken für den Tag 19.11.2018 zum Nachhören:

Die ganze Stadt wäre auf den Beinen gewesen, heißt es, um einem ihrer ganz Großen den letzten Abschied zu geben. Eine Mischung aus Staatstrauer und religiöser Andacht wäre es gewesen und – besonders ungewöhnlich – alle folgten dem Sarg zu Fuß vom Sterbehaus zum Friedhof, niemand, auch nicht die Minister und höchsten Herren, nahm den Wagen.

Michael Bünker
ist Bischof der evangelischen Kirche in Österreich

Gültigkeit bis heute

Das Begräbnis hatte damit etwas Demokratisch-Republikanisches, das dem Staats- und Kirchenverständnis des Verstorbenen entsprochen haben dürfte. Das war am 15. Februar 1834 und der Tote war Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Drei Tage zuvor, am 12. Februar, war er an einer Lungenentzündung verstorben. Er hatte in seinem Wirken Wissenschaft und Glaube, Theologie und Philosophie miteinander verbunden. Er hatte Platons Werke und englische Literatur ins Deutsche übersetzt sowie Bahnbrechendes für die Pädagogik, für die Staatstheorie, die Ethik und die Kirchentheorie geleistet.

Seine Gedanken zum Verstehen von Texten, zur Hermeneutik, haben Gültigkeit bis heute. Vor allem seine Überlegungen zur Religion als „eigener Provinz im Gemüt des Menschen“ sind bis heute aktuell und herausfordernd. Schleiermacher hatte nicht eine Schule gestiftet, sondern ein Zeitalter. An der Schwelle von Aufklärung und Romantik wurde er zu einem Wegbereiter der Moderne. Am 21. November 1768 wurde er in Breslau geboren. Es lohnt sich 250 Jahre später, seiner zu gedenken und die Impulse wahrzunehmen, die sein umfassendes Wirken bis heute gibt.

Musik:

Andras Schiff/Klavier: „Lied ohne Worte Nr. 21 in g-moll op. 53 Nr. 3 für Klavier“ aus „Lieder ohne Worte“ - Presto agitato von Felix Mendelssohn Bartholdy
Label: Decca 421119-2