Reden über die Religion

Schleiermachers „Reden über die Religion“ setzen mit einer schonungslosen Diagnose ein. Gleich zu Beginn heißt es: „Jetzt besonders ist das Leben der gebildeten Menschen fern von allem, was der Religion auch nur ähnlich wäre“, und weiter: „das irdische Leben ist doch so reich und vielseitig“, dass niemand mehr „der Ewigkeit bedarf“.

Gedanken für den Tag 22.11.2018 zum Nachhören:

Religion hat bestenfalls noch eine Aufgabe für die Durchsetzung der Moral. So hatte es ja Immanuel Kant sechs Jahre früher, 1793, in seiner Schrift „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ behauptet. Schleiermacher wendet sich nun gegen Kant und die Kahlheit, die kalte Vernünftigkeit und leere Nüchternheit, mit der die Aufklärung ihre Religionskritik vorgebracht hatte. Religion ist aber weder Metaphysik noch Moral, weder nur Denken noch nur Handeln. Das ist sie immer auch, aber zuerst und vor allem ist Religion etwas Eigenes, etwas Selbstständiges.

Michael Bünker
ist Bischof der evangelischen Kirche in Österreich

Wahre Kirche

Sie ist „Anschauung und Gefühl“. Wo sie wirkt, bewegt sie das Gemüt und führt alle menschliche Tätigkeit hinein in das staunende Anschauen des Unendlichen. Religion gehört zum Menschen. Deshalb muss sie kultiviert und gebildet werden. Religion ist aber auch notwendig gesellig, denn das Gesellige liegt in der Natur des Menschen und auch in der Natur der Religion. Sie bildet eine Gemeinschaft, in der die Besonderheit jedes Einzelnen anerkannt und respektiert ist. Heute würden wir vielleicht von Inklusion sprechen.

Eine solche Gemeinschaft ist für Schleiermacher die wahre Kirche. Sie ist das vollendetste Resultat menschlicher Geselligkeit, ja „eine vollkommene Republik“. Kein Wunder, dass Schleiermacher seine preußische Kirche, ihre starre Lehre, ihre konfessionelle Enge und ihre Erfahrungsvergessenheit mit scharfen Worten kritisiert. Hat er womöglich Konsequenzen befürchtet und deshalb seine Reden zuerst anonym erscheinen lassen?

Musik:

Andras Schiff/Klavier: „Lied ohne Worte Nr. 20 in Es-Dur op. 53 Nr. 2 für Klavier“ aus „Lieder ohne Worte“ - Allegro non troppo von Felix Mendelssohn Bartholdy
Label: Decca 421119-2