„Hütet euch vor der Habgier!“

„Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ - lautet eine bekannte Parole. Rotraud Perner stellt sie am Marienfeiertag und beliebten Shopping-Tag in Frage.

Morgengedanken 8.12.2018 zum Nachhören:

Der 8. Dezember ist ein Marienfeiertag. An diesem Tag soll die Gottesmutter ohne Sünde empfangen worden sein. „Mariens Empfängnis“.

Rotraud Angelika Perner
ist evangelische Theologin und niederösterreichische Hochschulpfarrerin im Ehrenamt

Liebe oder Neid?

Wer erinnert sich noch an den Kampf vieler Wirtschaftstreibender, an diesem Tag ihre Geschäfte offen zu halten? Eine andere Interpretation von „Marie empfangen“? Sicherlich ist es für viele Personen hilfreich, einen Tag zum gemütlichen Shoppen angeboten zu bekommen – aber ist das wirklich gut fürs Gemüt? Besonders, wenn ohnedies schon den ganzen Advent hindurch in Zeitungen, Beilagen und dazu noch Postwurfsendungen für den Kauf von Luxusartikeln (Näschereien mitgemeint) werben – in welche Stimmungslage wird man dadurch versetzt?

Kaufen ist Erwerb – Empfang. Man kann damit Mängel beheben und Lücken stopfen – nur das Loch in der Seele füllt man damit nicht. Deswegen sind vor allem Menschen Kaufsucht gefährdet, die im Alltag wenig Energie – Zuwendung, Liebe – empfangen. Deren Selbstachtung deswegen geschrumpft ist, und die sich fragen: Was fehlt mir denn, dass ich in meiner Eigenart nicht wahrgenommen werde? Ein besonderer Duft? Auffallender Schmuck? Ein Riesen-Straßenkreuzer? Oder gar die Spendierhose (für andere)?

Als ich Theologie studierte, ging ich in der Herrengasse an einem Schuhgeschäft vorbei, in dessen Auslage Schuhe um 300,- bis 400,- € prangten. Ist es nicht pervers, mit jedem Fuß 200,- € zu treten? Was „empfängt“ man dafür: Liebe – oder nur Neid?