Stalinistisches Straflager

Das Signal zum Wecken wurde, wie immer, um fünf Uhr morgens gegeben – durch einen Hammerschlag auf ein Stück Eisenbahnschiene, die bei der Kommandanturbaracke hing. Der glockenartig an- und abschwellende Ton drang nur schwach durch die mehr als zolldick vereisten Fensterscheiben und verebbte dann bald. Es war kalt, und dem Wachtposten war nicht nach weiterem Hämmern zumute.

Gedanken für den Tag 5.12.2018 zum Nachhören:

Mit diesen Sätzen beginnt die berühmte Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ von Alexander Solschenizyn. Minutiös wird ein einziger Tag im zehnjährigen Lagerleben des einfachen Zimmermanns Iwan Denissowitsch Schuchow beschrieben. Mit genauem Blick werden die eisige Kälte, die Arbeit, das Essen, die klaren Hierarchien und Demütigungsrituale in einem stalinistischen Straflager registriert. Und wie sich dann, am Abend, die Wärme der wässrigen Suppe im Körper ausbreitet, wird mit einem einzigen Satz kommentiert: Für diesen einen kleinen Augenblick lebt man als Sträfling.

Cornelius Hell
ist Literaturwissenschaftler und Übersetzer

3653 Tage

Iwan Denissowitsch ist kein Held, aber ein unverdrossener Überlebensstratege, der seine Selbstachtung nicht verliert. Er ist sogar noch stolz auf seine Arbeit. Die Erzählung ist ganz aus seiner Perspektive geschrieben. Nie erhebt sie Anklage, es wird nur – fast Minute für Minute – der Tagesablauf beschrieben. Unter diesem Vergrößerungsglas werden die einzelnen Szenen unvergesslich.

Gegen Ende des Buches heißt es dann: Und wieder war ein Tag zu Ende. „Ich danke Dir, Gott“, sagte er. Iwan Denissowitsch ist auf seine eigene Weise religiös, aber im Gespräch mit dem Baptisten Aljoscha wehrt er sich gegen die konventionellen Gebete. Iwan Denissowitsch verkündet keine Lehre, aber man sieht, was ihn am Leben erhält: Selbstachtung auch unter extremen Bedingungen, Klugheit, Solidarität, wo sie möglich ist, und die Freude an den kleinen Dingen. Einmal findet er das abgebrochene Stück einer Säge; als er es unter größter Gefahr ins Lager schmuggelt, hält ihn die Vorfreude auf das Messer, das er sich daraus machen kann, aufrecht.

Die grandiose Erzählung, die 1962 erstmals in der Sowjetunion ein stalinistisches Straflager im Detail beschrieb, endet mit den Worten: Dreitausendsechshundertdreiundfünfzig Tage wie dieser eine, das war seine Strafzeit, vom Frühappell bis zum Lichterlöschen. Dreitausendsechshundertdreiundfünfzig. Drei Tage mehr, wegen der Schaltjahre ...

Buchhinweis:

Cornelius Hell, „Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum“, Verlag Sonderzahl, März 2019

Musik:

RIAS Sinfonietta unter der Leitung von Jiri Starek: „Elegie Nr. 9 op. 67a“ zu der Schauspielmusik nach Shakespeares Tragödie „Hamlet“ von Peter Iljitsch Tschaikowsky
Label: Koch 316112