Ein Wort Wahrheit...

Zum 100. Geburtstag von Alexander Solschenizyn: „All jenen gewidmet, die nicht genug Leben hatten, um dies zu erzählen. Sie mögen mir verzeihen, daß ich nicht alles gesehen, nicht an alles mich erinnert, nicht alles erraten habe“.

Gedanken für den Tag 6.12.2018 zum Nachhören:

Diese Widmung hat Alexander Solschenizyn seinem dreibändigen Werk „Der Archipel Gulag“ vorangestellt. Dieser Titel bezeichnet das Lagersystem als einen über die ganze Sowjetunion verteilten Archipel, als eine abgeschlossene Inselwelt der Unterdrückung und Entmenschlichung.

Cornelius Hell
ist Literaturwissenschaftler und Übersetzer

... wird die ganze Welt überdauern

Nach der Veröffentlichung der Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ erhielt Solschenizyn von über 200 ehemaligen Häftlingen Besuche oder lange Briefe, in denen sie ihre eigenen Lager- und Gefängniserlebnisse schilderten. So kam er zum Entschluss, alle diese Dokumente literarisch zu verarbeiten. Über zehn Jahre arbeitete er an seinem Werk „Der Archipel Gulag“. Was daran besonders fasziniert: Er stellt nicht die guten Menschen einem bösen System gegenüber, sondern schreibt an einer Stelle:

„Wenn es nur so einfach wäre! – daß irgendwo schwarze Menschen mit böser Absicht schwarze Werke vollbringen und es nur darauf ankäme, sie unter den übrigen zu erkennen und zu vernichten. Aber der Strich, der das Gute vom Bösen trennt, durchkreuzt das Herz eines jeden Menschen. Und wer mag von seinem Herzen ein Stück vernichten?“

Als Solschenizyn an diesem Werk schrieb, stand er unter ständiger Beobachtung des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Im Jahr 1973 entdeckte er das Typoskript von „Der Archipel Gulag“. Jelena Woronjanskaja, eine von vier Frauen, die das literarisch-dokumentarische Werk über das Lagersystem abgetippt hatten, hatte nach fünf Tagen Verhör beim KGB das Versteck preisgegeben. Danach erhängte sie sich.

„Der Archipel Gulag“ erschien noch 1973 in Paris, Solschenizyn wurde aus der Sowjetunion ausgebürgert und sein Werk zu einer Weltsensation. Es öffnete vielen unkritischen Schwärmern für den Kommunismus die Augen, und in der Sowjetunion kursierte es jahrzehntelang als „Samisdat“ im Untergrund. Ein Satz, den Solschenizyn in seiner Nobelpreis-Rede gesagt hatte, sollte sich bewahrheiten: „Ein Wort Wahrheit wird die ganze Welt überdauern.“

Buchhinweis:

Cornelius Hell, „Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum“, Verlag Sonderzahl, März 2019

Musik:

Rene Forest/Violoncello und RIAS Sinfonietta unter der Leitung von Jiri Starek: „Andante cantabile für Violoncello und Streicher op. posth. nach dem zweiten Satz des Streichquartetts Nr. 1“ von Peter Iljitsch Tschaikowsky
Label: Koch 316112