20 Jahre Exil

„Für mich gehört der Glaube zu den Grundlagen und Grundfesten des Lebens eines Menschen.“ Diesen Satz hat Alexander Solschenizyn 2007, ein Jahr vor seinem Tod, in einem Spiegel-Interview ausgesprochen.

Gedanken für den Tag 7.12.2018 zum Nachhören:

In seinen Romanen und Erzählungen spiegelt sich diese Überzeugung auf eine sehr subtile und unaufdringliche Weise wider. Auch der berühmte Satz aus seiner Nobelpreis-Rede „Die Rettung des Menschen besteht gerade darin, dass alle alles angeht“ hat eine spirituelle Grundlage.

Prestigeverlust

In seinen literarischen Werken wird sie aber nie groß verkündet, sondern tritt in den Hintergrund der Genauigkeit und des ungeheuren Detailreichtums, mit der Solschenizyn seine autobiografischen Erlebnisse künstlerisch gestaltet. Das gilt gerade auch für den berühmten Roman „Krebsstation“. Darin konfrontiert die Grenzsituation der Krebserkrankung und die abgeschlossene Welt des Krankenhauses die einzelnen Romanfiguren mit den Grundfragen ihrer Existenz.

Cornelius Hell
ist Literaturwissenschaftler und Übersetzer

Die spirituelle Tiefe seiner Romane verteidigte Solschenizyn auch gegen die Konsumwelt des Westens und die Profitgier des freien Marktes. Als er 1994 nach zwanzigjährigem Exil nach Russland zurückkehren konnte, wollte er das Land auf einem christlichen und nationalen Fundament erneuern. Er kritisierte Gorbatschow und Jelzin und lehnte Auszeichnungen durch sie ab, während er sich in seinen letzten Lebensjahren vom ehemaligen KGB-Offizier Putin zweimal in seiner Wohnung besuchen ließ und seinen Orden annahm. Mit Putin unterhielt er sich über die Größe Russlands.

Auf diese Weise hat Solschenizyn sein großes weltweites Prestige nach und nach verloren und auch in Russland nach seiner Rückkehr kaum mehr Einfluss auf die intellektuellen Debatten genommen. Seine Schriften aus den letzten Jahrzehnten sind oft pathetisch und von der subtilen Genauigkeit seiner Romane und Erzählungen weit entfernt. So kann man Solschenizyn auch als Zeugen für die Ambivalenz von Religion lesen: Wenn man daraus unreflektiert politische Konzepte ableitet, wird sie gefährlich. Aber sie zeigt ihre – auch literarische – Kraft in einem Satz wie: „Die Rettung der Menschheit besteht gerade darin, dass alle alles angeht.“

Buchhinweis:

Cornelius Hell, „Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum“, Verlag Sonderzahl, März 2019

Musik:

RIAS Sinfonietta unter der Leitung von Jiri Starek: „Entr’act < Zwischenspiel > Nr. 7 op. 67a“ zu der Schauspielmusik nach Shakespeares Tragödie „Hamlet“ von Peter Iljitsch Tschaikowsky
Label: Koch 316112