Warum Erasmus?

Jetzt sind die Tage der guten Vorsätze. Einer wäre zum Beispiel: das Jahr mit der Lektüre des Humanisten und Theologen Erasmus von Rotterdam zu beginnen. Mit seinem „Lob der Torheit“ war er vor 500 Jahren ein Bestsellerautor.

Gedanken für den Tag 2.1.2019 zum Nachhören:

Heute liest man seine scharfzüngige Ironie mit ebenso großem Vergnügen wie damals, als er sich in der muffigen Zeit der klerikalen Enge und des spießigen Bürgerdünkels frische Luft zu verschaffen wusste und diese Frische auch seinen Lesern zufächelte. Erasmus verstand es, die neue Mediensituation – nach Erfindung des Buchdrucks – zu nutzen. Er schrieb 150 Bücher und beschäftigte damit die besten Druckereien in Venedig und Basel. Gelehrte, Könige und Kardinäle suchten seine Freundschaft. Einziges Handicap: Er schrieb Latein, elegant und geschliffen zwar – aber eben nur für die gebildete Oberschicht. Da war ihm bald sein späterer Kontrahent Martin Luther voraus, der schrieb deftiges bilderreiches Deutsch.

Hubert Gaisbauer
ist Publizist

Tage der guten Vorsätze

Erasmus sah in der lateinischen Sprache eine über das Nationale hinauswirkende Gemeinsamkeit. Jede nationale und kleinstaatliche Abgrenzung war ihm fremd. Als ihm der Reformator Ulrich Zwingli das Bürgerrecht der Stadt Zürich anbot, lehnte Erasmus es freundlich ab: „Ich danke dir sehr für deine Zuneigung und die deiner Stadt. Ich wünsche, ein Bürger der Welt zu sein, allen gemeinsam, oder besser, für alle ein Fremder.“ Da hat der fromme Erasmus auch den Vers aus dem Hebräerbrief mitgedacht: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Und was die Tage der guten Vorsätze angeht, da könnte man einen recht berühmten Satz des Erasmus variieren: „Was hast du aus deinem Leben gemacht? – zum Beispiel im abgelaufenen Jahr. Was du dann wünschst, getan zu haben, das tue jetzt.“

Musik:

Paul O’DETTE: „Mrs. Cliftons Almain“ von John Dowland
Label: ASTRÉE audivis E 7715