Erasmisch gesinnte Demokratie

Erasmus von Rotterdam. Albrecht Dürer und Hans Holbein der Jüngere haben ihn gemalt – diese Bilder sind geradezu die Ikonen des Humanismus; sie zählen zu den schönsten Porträts der Renaissance nördlich der Alpen.

Gedanken für den Tag 4.1.2019 zum Nachhören:

Erasmus Gesicht ist bekannter als das, was er gedacht und geschrieben hat. 500 Jahre nach seiner Geburt bekommt eine kühn konstruierte Brücke in Rotterdam seinen Namen. Das nach Erasmus benannte Studienprogramm der Europäischen Union haben zehn Millionen junge Menschen im Laufe von 30 Jahren absolviert. Doch Europa braucht mehr Erasmus als nur seinen Namen. Es braucht „erasmische“, dialogfähige Politikerinnen und Politiker. Und eine erasmisch gesinnte Demokratie.

Hubert Gaisbauer
ist Publizist

Triumph und Tragik

Sein Leben, so schrieb Erasmus, sei „ein fortwährender Kampf“, und zwar ein Kampf gegen die Extremismen der Spaltungen, gegen das Entweder/Oder – sowohl auf Seiten der Religion wie auf Seiten der Politik. Ihm galt nicht Aufklärung statt Religion sondern Religion und Aufklärung. Was für viele ein Ärgernis war – auch und vor allem für Martin Luther: Erasmus war ein „Mann der nachdenklichen Mitte“ – mit einer großen Sehnsucht nach Verständigung.

Im Jahr 1934 schrieb Stefan Zweig – kurz bevor er emigrierte - über „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“, diese exzellente Monografie des „ersten bewussten Europäers“. Darin fragt sich Zweig, warum die humanen Ideale einer geistigen Verständigung – man könnte sagen des erasmischen Prinzips – so wenig wirksam werden, wo doch die Menschen den Widersinn aller Feindseligkeit längst begriffen haben müssten. Und er gibt sich selber im Geist des Erasmus die Antwort: „Immer wird […] im Politischen die Parole am leichtesten Anhang finden, die statt eines Ideals eine Gegnerschaft proklamiert, einen bequem fassbaren, handlichen Gegensatz, der sich gegen eine andere Klasse, eine andere Rasse, eine andere Religion wendet, denn am leichtesten kann der Fanatismus seine Flamme am Hass entzünden.“ Soweit Stefan Zweig.

Musik:

Paul O’DETTE: „The most sacred Queene Elizabeth“ von John Dowland
Label: ASTRÉE audivis E 7715