Europa war seine Welt

„Alles was ich sage, sei Gespräch. Nichts sei ein Ratschlag oder eine Lehre.“ Das schrieb Desiderius Erasmus, geboren um 1468 in Rotterdam als unehelicher Sohn eines Priesters, gestorben 1536 in Basel.

Gedanken für den Tag 5.1.2019 zum Nachhören:

Sein Leben lang lernte, schrieb und lehrte er in den geistigen Zentren Europas, Europa war seine Welt. Paris, Rom, London Basel. Mit seinen Büchern hat er keinen festen Ort, sondern einen Kontinent bewohnt. Er war der erste bewusste Europäer – und sollte heute eigentlich im Rang eines geistigen Gründervaters der europäischen Einigung stehen. Täglich soll er bis zu 40 Briefe geschrieben haben, die Pflege der Sprache war ihm Grundlage der Bildung. Er schätzte Gastmähler und die Gesellschaft von geistreichen Frauen. Den priesterlichen Zölibat soll er gewissenhaft gehalten haben. Erasmus blieb katholisch und wurde dennoch hochgeschätzt und mit allen Ehren im evangelisch-reformierten Münster zu Basel begraben.

Hubert Gaisbauer
ist Publizist

Index der verbotenen Bücher

Wie viele Humanisten wollte auch er eine Renaissance – also eine Wiedergeburt – der Kirche. Zurück zu den Quellen der Schrift. Erasmus veröffentlichte 1516 erstmals den griechischen Urtext des Neuen Testaments zusammen mit der eigenen kritischen Übersetzung ins Lateinische. Er fand, dass viele gängige kirchliche Lehren und Gebräuche in der Bibel keine Begründung haben.

Luther benutzte die Erasmus-Ausgabe für seine Bibelübersetzung ins Deutsche. Natürlich landeten die Bibeln von beiden auf dem römischen Index der verbotenen Bücher. Beim Konzil von Trient ist dies auch dem „Lob der Torheit“ widerfahren. Vor 500 Jahren traf Erasmus mit diesem Werk den Nerv des an Missständen reichen christlichen Europa und erntete dementsprechend Empörung. Mit ein wenig Fantasie ist dieses satirische Meisterwerk leicht in unsere Gegenwart zu transponieren, um im Spiegel der Narrheit ein Abbild der politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Wirklichkeit zu erkennen. Man sollte es wieder lesen.

Musik:

Paul O’DETTE: „Fantasie“ von John Dowland
Label: ASTRÉE audivis E 7715