1989 - Hinter dem Eisernen Vorhang

Als wir einander vor 30 Jahren ein frohes neues Jahr wünschten, wusste niemand, was das Jahr 1989 noch für uns alle bereithalten würde. Selbst die kühnsten Sterndeuterinnen und politischen Auguren sahen nicht Alois Mock den Stacheldraht zur Grenze des Ostblocks durchschneiden und nicht die Berliner Mauer einstürzen. Am Ende des Jahres war die Welt eine andere.

Zwischenruf 6.1.2019 zum Nachhören:

Auch wenn die Erosion des sogenannten Ostblocks nach Michail Gorbatschows Perestrojka- und Glasnost-Politik bereits begonnen hatte, war Europa noch durch den Eisernen Vorhang getrennt. Von Reisefreiheit und Grenzöffnung war keine Rede. Österreich war auch noch lange nicht der Europäischen Union beigetreten, nicht zu reden von der gemeinsamen Währung und den offenen Binnengrenzen.

Michael Chalupka
ist evangelischer Pfarrer und Geschäftsführer der Diakonie Bildung

So nahe und doch eine andere Welt

Ich selbst war damals Vikar der evangelischen Pfarrgemeinde Mistelbach/Laa an der Thaya. Hart an der Grenze, die Europa in zwei Teile trennte, gelegen, wussten wir wenig von der anderen Seite, die hinter dem zwölf Kilometer breiten Todesstreifen lag, in dem in Zeiten des Kalten Krieges mehr Menschen zu Tode gekommen waren als an der innerdeutschen Grenze.

War es die Vorahnung auf die dräuenden Veränderungen oder die Neugier? Jedenfalls machten wir uns zu Beginn des Jahres auf, die Nachbarschaft zu erkunden. Noch mit Tagesvisa bewährt, fuhr das Häuflein Evangelischer im Weinviertel mit dem Bus über die Grenze, um zu sehen, wie es sich dahinter lebte. Die Motive für die Fahrt waren unterschiedlich. Die einen wollten die alten Dörfer und Gehöfte sehen, aus denen sie selbst oder die Ihren nach der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten vertrieben worden waren. Sie kannten noch die deutschen Namen der Ortschaften. Die anderen wollten Kontakt aufnehmen mit den evangelischen Glaubensgeschwistern hinter der Grenze, die so nahe waren und doch in einer anderen Welt.

Die Westler aus dem Süden

Den Gottesdienst besuchten wir in Znaim. Znaim, einst lebendiges Zentrum mit einem schmucken Stadttheater, machte einen trostlosen Eindruck. Eine Stadt an einer Grenze, die niemanden durchlies, hatte wenig Lebendiges an sich. Doch das war meinen Gemeindemitgliedern aus Laa an der Thaya vertraut. Die versammelte Gottesdienstgemeinde war überschaubar, kaum eine Handvoll füllte den einfachen Gemeindesaal, die Kirche war baufällig, und es wäre ohnehin zu kalt gewesen, um dort zu feiern. Wir Westler, die eigentlich aus dem Süden kamen, waren in der Überzahl. Rudolf Šimša begrüßte uns auf Deutsch, als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt sei, dass unverhofft ein Bus evangelischer Weinviertler bei der Pfarrhaustür hereinschneit. Bei der Predigt übersetzte er sich fließend selbst konsekutiv.

Zwischenruf
Sonntag, 6.1.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Pfarrer Šimša war damals 77, diente dieser versprengten Gemeinde am Ende der kommunistischen Welt aber immer noch, weil sich kein anderer fand, wie er uns nach dem Gottesdienst beim Kaffee erzählte. Seine Frau begleitete die Lieder am Klavier, danach aber spielte sie noch einige Stücke von Mozart. Mozart habe ihnen viel geholfen. Mozart, die Literatur und die Gemeinschaft in der Kirche.

Hinter dem Eisernen Vorhang

Die Kirche sei wichtig in Zeiten autoritärer Regime, auch wenn sich nicht viele zu ihr bekennen mochten. Sonst so mächtig erscheinende Politiker fürchten sich scheint’s vor der Predigt der Freiheit und der bescheidenen diakonischen Arbeit, die noch möglich sei, sonst würden sie die Kirche nicht als Gegner sehen. Dabei musste Rudolf Šimša schmunzeln, während seine Frau herzlich lachen musste.

Seit 1950 war er Pfarrer der Gemeinde in Znaim, 38 Jahre lang immer an der Grenze, ohne Übergang. In Wien seien sie zuletzt 1968 im Musikverein gewesen. Er selbst sei als Bassist und Leiter des örtlichen Gesangsvereins ja sogar bis nach Rügen in der DDR gekommen, doch den Eisernen Vorhang, der gleich hinter dem Pfarrhaus errichtet war, konnte er nach 1968 nicht mehr überwinden. Noch einmal nach Wien kommen, in den Musikverein gehen, ja, das wäre was, meint er noch beim Abschied.

Wir umarmten uns, obwohl wir uns das erste Mal gesehen hatten. Es war auch das letzte Mal. Rudolf Šimša starb wenige Monate nach unserer Begegnung. Ende des Jahres wurde Vaclav Havel zum Präsidenten gewählt. Der Eiserne Vorhang war Geschichte.