Rapunzel - Oder: Hör-Sucht und Sehn-Sucht

Kindern soll man ja so viel und so lang wie möglich vorlesen, heißt es. Ich tue das nicht aus mütterlichem Pflichtbewusstsein, wie man zum Zähneputzen anhält, sondern mit Euphorie, besonders an Winterabenden.

Gedanken für den Tag 7.1.2019 zum Nachhören:

Und weil wir im Ausland leben, in Italien, lese ich am liebsten Grimms Märchen vor. Deutsche Märchen. Ich habe uns eine österreichische Ausgabe in drei Bänden aus den 60ern besorgt, auf die ich große Stücke halte.

Im Turmzimmer der Sehnsucht

Wenn ich am Abend vorlese, kommt es vor, dass mir so eine Geschichte noch in der Früh nachgeht. Märchen haben ihre Weisheit, sie sind nie zu Ende gelesen. Da gibt es Helden, Not und Glück, liebreiche arme schöne Mädchen, Hexen, kluge Tiere und Figuren zum Fürchten. Reibt man an der Oberfläche, kommt mehr. Wie der gute Geist aus der Lampe.

Gudrun Sailer
ist Literaturwissenschaftlerin und Journalistin im Vatikan

Das Lieblingsmärchen meiner Tochter ist Rapunzel. Schnell erzählt: Die böse Alte hält das Mädchen einsam im Turm im Wald gefangen. Rapunzel aber singt. Und ihr Gesang steht, wie ihr Haar, für die Sehnsucht nach dem anderen. Die endlich erfüllt wird: Ein Prinz hört ihr Lied, ist verzaubert, will die Sängerin sehen, nicht nur hören. Rapunzel lässt ihr Haar herunter. Die Hexe entdeckt das Liebespaar, blendet den Prinzen, verstößt das Mädchen. Nach langer Zeit finden sie einander in einem öden, fremden Land wieder. Ihre Tränen waschen ihm die Augen heil, er kann wieder sehen. Spätes Glück.

Ob der Prinz ahnt, was kommt, als er dem Lied nachgeht? Er hat Sehn-Sucht, er sucht zu sehen. Denn was mich berührt im Hören, das will ich sehen. Was mich ergreift, das möchte ich selbst ergreifen – wie einen Zopf, ein Seil, das mich nach oben zieht. Ich nehme mir vor, dass ich heute hinhöre auf das, was mich anspricht, was mir Sehnsucht macht nach etwas Hohem, Kostbaren und Schönen. Die Zeiten im Turmzimmer der Sehnsucht sind kurz, aber sie zählen im Alltag.

Musik:

Indiana University Singing Hoosiers und Cincinnati Pops Orchestra unter der Leitung von Erich Kunzel: „Introduction“ aus: Suite aus dem Film „The little mermaid“ / „Arielle, die Meerjungfrau“ von Alan Menken
Label: Telarc CD80381