Aschenbrödel - Oder: der passende Schuh

Da ist das Aschenbrödel. Mutter tot, Stiefmutter so, wie sie im Märchen sind, und passende Stiefschwestern. Aschenbrödel wird schwer gemobbt in diesem Frauenhaushalt. Sie kippen ihr Linsen in die Asche, die muss sie herausfingern, Drecksarbeit, komplett sinnlose.

Gedanken für den Tag 10.1.2019 zum Nachhören:

Die Schwestern putzen sich auf, zum Ball, der Prinz sucht eine Frau. Jetzt kommt der Zauber: Die Taube am Grab der Mutter gibt dem Aschenbrödel Gewand und Schuhe. Auf zum Fest! Der Prinz gerät an die Richtige, doch entwischt sie ihm. Zurück bleibt der Schuh, mit dem der Prinz dann seine Frau sucht. Und auch wenn sich die bösen Schwestern die Füße verstümmeln, um hineinzupassen – ruckediguh, Blut ist im Schuh: Aschenbrödel siegt und kriegt den Prinzen und er sie.

Gudrun Sailer
ist Literaturwissenschaftlerin und Journalistin im Vatikan

Verstümmle dich nicht!

Liebe ist stärker als Hass. Wie plastisch diese zeitlose Märchenaussage bebildert ist, fasziniert mich bei jedem Lesen neu. Der lichte Saal im Schloss: Glanz der Hoffnung. Der verlorene Schuh auf der Stiege. Die Asche. Sie soll das gedemütigte Mädchen lebendig begraben und steht symbolisch für die Niedrigkeit der familiären Feindinnen.

Ja, eifersüchtig sind diese Stiefschwestern, besessen von nur einem Lebensziel: Heirat nach oben. So fixiert zu sein, verengt ihnen die Seele und sogar das Schmerzempfinden. Sie beschneiden sich selbst, am Leib und im Leben.

Wie immer im Märchen ist da, wo es wehtut, Stoff zum Nachdenken. Ich will keine Stiefschwester sein, eine, die nur auf ihren Gewinn starrt und anderen die Ellbögen in den Bauch rammt. Ich will im Großen bleiben, freiwerden von alten Fixierungen, die mich wie in Asche ersticken und maßlos machen. Ja, Ziele sind ein Motor im Leben. Noch wichtiger ist, dass ich Dinge ge-lassen gehen lasse, wenn ich erkenne, sie sind nicht für mich. Verstümmle dich nicht; zieh dir keinen Schuh an, der dir nicht passt. Das sagt mir Aschenbrödel.

Musik:

Cincinnati Pops Orchestra unter der Leitung von Erich Kunzel: „Baroque hoedown“ von Gershon Kingsley und Jean Jaques Perrey
Label: Telarc 80196