Hänsel und Gretel - Oder: tödlicher Hunger

Da ist eine bitterarme Familie. Der Hunger vernebelt den Eltern das Hirn, und die Mutter sagt: Die Kinder müssen weg, damit wenigstens wir leben können. Sie haben es erkannt: das ist „Hänsel und Gretel“.

Gedanken für den Tag 11.1.2019 zum Nachhören:

Die Eltern setzen ihre Kinder im Wald aus, wo sie verhungern sollen. Doch es kommt noch böser. Im Wald treffen die Kinder gerade dort, wo sie meinen, sich sattessen und über-leben zu können, am Leb-Kuchenhaus, eine Hexe, die sie mästen und fressen will. Der Mutter schienen Hänsel und Gretel lebensbedrohlich, weil sie essen, für die Hexe sind sie ein Festessen.

Gudrun Sailer
ist Literaturwissenschaftlerin und Journalistin im Vatikan

Hunger in der Welt

Sie kennen den Rest: Weil die Hexe etwas blöd und blind ist, können die Kinder sie überlisten und ihrerseits in den Ofen schieben. Hänsel und Gretel gehen nach Hause, der Vater jubelt, die Mutter ist tot. Aus Kummer? Wir erfahren es nicht. Jedenfalls hat sie das Aussetzen ihrer Kinder nicht lang überlebt.

Hänsel und Gretel ist ein unfassbar grausames Märchen. Manche sagen, es tauge nicht zum Vorlesen. Ich meine, es taugt zum gemeinsamen Nachdenken. Was mich daran aufwühlt, ist das Leitmotiv Hunger. Hunger tötet. Wir kennen in unseren Ländern gottseidank schon lang keinen Hunger mehr, der uns so erniedrigt, dass wir andere in den Tod schicken würden, um selber zu überleben. Aber manche Kriege auf der Welt sind heute noch, oder wieder, Hungerkriege. Verteilungskriege. Menschen kämpfen gegeneinander ums nackte Leben, ums Essen. Wenn sie noch die Kraft dazu haben.

Hunger, verhungern heute, das ist ein Skandal, eine Beleidigung am Leben in einer Welt, die genug für alle bietet. Denke ich: Das geht mich nichts an, ist ja weit weg? Sind ja nicht Österreichs Wälder, in denen Kinder verhungern? Ich will heute dem Hunger nachspüren, den ich nicht habe, und solidarisch sein mit denen, die hungern. Unfreiwillig hungern, anders als wir.

Musik:

Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Sir Georg Solti: „Vorspiel zum 1. Bild“ aus: HÄNSEL UND GRETEL / Märchenoper in 3 Bildern / Gesamtaufnahme / 1. und 2. Bild von Engelbert Humperdinck
Label: Decca 4211112