Die traurigen Matratzen

Wer zu lange liegt, der versinkt in der Matratze der Traurigkeit. Jedes Aufstehen ist ein Widerstand gegen Passivität und Depression. Wir alle brauchen Ärzte - gerade für die „hoffnungslosen Fälle“.

Gedanken für den Tag 1.2.2019 zum Nachhören:

Wir können aber nicht Wunder wirken wie seinerzeit Jesus, als er am See von Betesda zu dem Lahmen sagte: „Steh auf, nimm dein Bett und geh“. Das ist Provokation, Zynismus, aber dann doch wieder ein Stück Revolution, unter dem Motto: „Geht nicht, gibt’s nicht“ … auch das eine Weisheit, die Weisheit für die Todkranken, die das Liegen, das Leben im Liegen, als Einübung in die Hoffnungslosigkeit verstanden haben, um dann doch aufrichtig sein zu wollen.

Herbert Maurer
ist Schriftsteller und Übersetzer

Verantwortung von Mensch zu Mensch

Umgekehrt sind solche Geschichten und Bilder sehr geliebte Illusionen oder es sind Wunder, an die geglaubt werden darf – oder auch nicht. Gerade die Ärzte glauben wohl nicht an Wunder, für sie sind Wunder zwar schön, aber eigentlich – Kitsch, ein schöner, frommer Blödsinn. So wie Ingeborg Bachmanns pathetischer Hinweis, wonach die Hoffnung dem Menschen zumutbar wäre, zum literaturhistorischen Kitsch gehört, angesichts dessen, was wir in unserer Gesellschaft heute einander zumuten oder für zumutbar erachten.

Deshalb, so zum Beispiel der Chirurg und Arzt Martin Salzer, in den sogenannten „Entwicklungsländern“, sind wir schon längst jenseits der „Hoffnung“, sondern brauchen einzig und allein den Mut der Verantwortung. „Die Verantwortung ist dem Menschen zumutbar“, wenn wir die schimmligen Matratzen unserer Hochkultur verlassen und uns einmal mehr – mit wie vielen Beinen auch immer - im aufrechten Gang einüben. Erst dann wird aus dem Kitsch der Hoffnung – Verantwortung von Mensch zu Mensch.

Musik:

Nicanor Zabaleta/Harfe: „Adagio“ - aus der „Toccata II für Harfe“ von Jorge Rodriguez
Label: DG 4158932