Ein Blick durchs Schlüsselloch

Ein gemeinsames Essen mit Freunden kann man unterschiedlich planen. Eine Möglichkeit ist, dass eine Person die Arbeit macht und kocht. Alle anderen setzen sich an den gedeckten Tisch und essen. Man kann es aber auch so machen, dass jeder und jede etwas mitbringt.

Zwischenruf 3.2.2019 zum Nachhören:

Alle Jahre wieder erinnere ich mich im Jänner mit Freude an so ein Potluck-Dinner, wie die Amerikaner es nennen. Für den ersten Gang hat der jüdische Mann aus Ungarn gesorgt. Eine paprizierte Krautsuppe eröffnete das Menü. Der Hindu aus Bangladesch hat bunten Reis mit unglaublich duftenden Gewürzen mitgebracht. Der Moslem aus dem Libanon briet die Kichererbsen-Bällchen frisch in meiner Küche. Er hat nachher auch die Pfanne abgewaschen und den Herd abgewischt. Johanna und ich, wir zwei christlichen Frauen haben zum Nachtisch Apfelstrudel mit Schlagobers und Kaffee serviert.

Christine Hubka
ist evangelische Theologin und Gefängnisseelsorgerin

Grund zum Feiern

Dieses Menü wurde allen religiösen Speisegeboten gerecht: Weil der Hindu keine Tiere isst, hat der ungarische Suppenkoch auf das Fleisch in der Krautsuppe verzichtet. Der Alkohol im Wein, mit dem die Suppe aufgegossen wurde, war für den Moslem hingegen kein Problem. Längst war er ja verdampft. Im Judentum werden Fleischspeisen und Milchprodukte nie gleichzeitig konsumiert. Da es kein Fleisch gab, konnte der jüdische Mann genussvoll eine Portion Schlagobers auf seinen Apfelstrudel tun.

Bevor die Gäste kamen, hatte ich im Traiskirchner Pfarrhaus den Tisch schön gedeckt. Obwohl wir nur Wasser tranken, nahm ich die schönen Gläser. Wir hatten ja Grund zum Feiern. Sowohl der Mann aus dem Libanon als auch der aus Bangladesch hatten Asyl bekommen.

Wie es bei uns in der Familie üblich ist, sprach ich ein Tischgebet. Dabei verzichtete ich auf das übliche „Komm, Herr Jesus, und sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast“, und wählte stattdessen eines, das für alle passend war: „Für Speis und Trank, fürs täglich Brot, wir danken dir, o Gott.“ Dann reichten wir uns die Hände und wünschten einander guten Appetit.

Das Reich Gottes

Bei der Suppe kam ich ganz schön ins Schwitzen. Der ungarische Koch verriet, dass er nicht nur roten Paprika, sondern auch eine ganze Menge Pfefferoni hineingetan hatte. Auf einmal legte Johanna den Löffel hin. Ich dachte, die Suppe wäre ihr zu scharf, dass sie nicht mehr weiteressen konnte. Aber sie sagte lachend: „Jetzt ist mir gerade ein Bibelspruch eingefallen. Der beschreibt unsere Runde.“ Alle hörten zu essen auf und wollten den Spruch hören: Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. (Lukas 13,29)

Zwischenruf
Sonntag, 3.2.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Angeregt tauschten wir uns aus, wie sich jeder von uns das Reich Gottes vorstellte. Das war eine kunterbunte Sammlung von Ideen, Hoffnungen, Träumen und Wünschen. Einig waren wir uns nur darin, dass das Reich Gottes hier auf der Erde wohl nie vollkommen verwirklicht werden würde.

Nur dieses einzige Mal sind wir in dieser Runde zusammengekommen. Bald haben wir einander aus den Augen verloren. Die beiden Männer, deren Asyl wir gefeiert haben, haben sich irgendwo niedergelassen. Wie ich höre, haben sie geheiratet und Kinder bekommen. Nur mit Johanna habe ich immer noch nach all den Jahren Kontakt. Wenn wir uns wieder einmal im Kaffeehaus treffen, erinnern wir uns gerne an dieses Essen im Traiskirchner Pfarrhaus. Wir sind uns einig, dass uns unsere bunt gewürfelte Tischrunde damals einen Blick durchs Schlüsselloch ins Reich Gottes erlaubt hat.