Heimatloses Leben

Die Lyrikerin Else Lasker-Schüler hatte eine behütete Kindheit in einem assimiliert-jüdischen Elternhaus im Rheinland, verlor aber mit 21 Jahren ihre Mutter, der sie lebenslang nachtrauerte. Sie heiratete, ging nach Berlin und führte ein unstetes und heimatloses Leben.

Gedanken für den Tag 12.2.2019 zum Nachhören:

Sie lebte intensive Liebesbeziehungen, aus denen unverwechselbare Gedichte entstanden. Eines davon hat den Mann zum Titel, dem es gewidmet ist: Senna Hoy, ein deutscher Anarchist und Schriftsteller. Wie viele Gedichte von Else Lasker-Schüler besteht es aus kurzen zweizeiligen Strophen; sie kreisen um Sprache, Stimme und Gesang.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Senna Hoy

Wenn du sprichst,
Wacht mein buntes Herz auf.

Alle Vögel üben sich
Auf deinen Lippen.

Immerblau streut deine Stimme

Über den Weg;

Wo du erzählst, wird Himmel.

Deine Worte sind aus Lied geformt,
Ich traure, wenn du schweigst.

Singen hängt überall an dir –

Wie du wohl träumen magst?

„Wie du wohl träumen magst?“ – Der Geliebte lebt in seiner eigenen Welt, er ist ein Wunder – das auch undurchschaubar bleibt. Seine Worte sind Lieder, seine Stimme ist Gesang. Und sie kann vieles bewirken: „Wenn du sprichst, / Wacht mein buntes Herz auf“, lautet die erste Strophe des Gedichts. Und sie kann etwas herbeizaubern, was klingt wie der Name eine Pflanze – die es aber in der sogenannten realen Welt nicht gibt: „Immerblau streut deine Stimme / Über den Weg.“

Else Lasker-Schülers Gedichte sollte man lesen, wenn man eine Liebe erlebt; sonst können sie wehtun – weil man spürt, was man vermisst oder verloren hat. Dieses Gedicht formuliert aber – deutlich ausgestellt in der einzigen Strophe, die nur aus einer Verszeile besteht – eine Erfahrung, die auch abseits der erotischen Liebe fundamental ist: „Wo du erzählst, wird Himmel“. Auch mit seinen Kindern kann man das erleben oder mit einem Menschen, der einem nahe ist: „Wo du erzählst, wird Himmel.“ Und vielleicht hat man in seltenen Sternstunden sogar das Glück, dass man jemandem so erzählen kann, dass für ihn oder für sie Himmel wird.

Buchhinweis:

Cornelius Hell, „Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum. Streifzüge durch die Literatur von Meister Eckhart bis Elfriede Gerstl“, Verlag Sonderzahl (ab März 2019)

Musik:

Ransom Wilson/Flöte und Christopher O’Riley/Klavier: „Les chemins de l’amour“ aus: HENRY & JUNE / Original Filmmusik von Francis Poulenc
Label: Varese Sarabande VSD 5294